Zivilisten sind die Verlierer in Gaza und der Ukraine

Die Welt blickte das ganze Jahr auf den Vormarsch von Truppen, geopolitische Ad-hoc-Allianzen und Sanktionen für Kriegsparteien. Aber wer dachte an diejenigen, die am meisten von dem Krieg betroffen sind?

Illustrationsfoto. Foto: Abed Rahim Khatib/Anadolu via Getty Images

Illustrationsfoto. Foto: Abed Rahim Khatib/Anadolu via Getty Images

Im Jahr 2025 bewahrheiteten sich die Worte des verstorbenen Papstes Franziskus über einen „zerstückelten Dritten Weltkrieg”. Bereits 2014 sprach der Bischof von Rom von einer Kette von Konflikten, die die Menschheit vom afrikanischen Sahel über den Nahen Osten bis zur Ukraine heimsuchen, und von ihren gemeinsamen verheerenden Auswirkungen auf das Wohlergehen der Menschen.

Dieser „Dritte Weltkrieg in Raten“ hat sich in den zurückliegenden Jahren auch auf ideologischer Ebene angeglichen. Gleichzeitig droht er auch auf die westliche Hemisphäre überzugreifen – obwohl es noch nicht zu einer amerikanischen Invasion in Venezuela gekommen ist, was manche Experten erwarten - wird dieser Konflikt das Kräfteverhältnis im Nahen Osten beeinflussen.

Caracas handelt nämlich mit dem Iran, Russland und insbesondere mit China, und diese „Achse des Umbruchs“ – wie sie von westlichen Neokonservativen genannt wird – versuchen die Vereinigten Staaten als Gegner Pekings und Israel als ein Gegner Teherans zu zerschlagen. Jede Veränderung in der Außenpolitik Venezuelas kann daher das globale Gleichgewicht in die eine oder andere Richtung verschieben.

Die wahren Opfer jedes modernen Krieges sind Zivilisten. Die Westfront des Ersten Weltkrieges beschränkte sich mit ihrer Vernichtung von Menschenleben auf die Schlachtfelder, doch schon im darauffolgenden Weltkrieg änderte sich dieses Prinzip radikal.

Die Stellvertreterkriege des Kalten Krieges zählten wiederum in erster Linie auf die Beteiligung von Milizen, die eine Art Grauzone zwischen dem militärischen und dem zivilen Sektor bilden. Und obwohl in der Ukraine Armeen gegeneinander kämpfen, versuchen beide Seiten, auch die wirtschaftliche Basis des gegnerischen Landes zu schwächen, das mit seinen Einnahmen die Armeen finanziert.

Der Krieg im Gazastreifen wird von Israel mit regulären Streitkräften geführt, auf der anderen Seite stehen die Terrormilizen der Hamas-Bewegung. Die israelische Armee zerstört bei ihrem Vorgehen ebenfalls zivile Infrastruktur, die häufig von Hamas-Kämpfern als Tarnung genutzt wurde, aber auch die Zerstörrung des Tunnelsystems der Hamas zog die Infrastruktur zwangsläufig in Mitleidenschaft.

Beide Konflikte wirken sich unweigerlich auf das Leben der jeweiligen Zivilbevölkerung aus und fordern oft auch Menschenleben.

Das Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte hat im November die Bilanz der zivilen Opfer in der Ukraine und in Russland im Zusammenhang mit dem fast vierjährigen Krieg aktualisiert. Seit dem 24. Februar 2022 hat der Krieg in der Ukraine 53.000 „Opfer“ gefordert, darunter mehr als 14.500 Tote und fast 38.500 Verletzte. In dieser traurigen Zahl enthalte sind 745 Kinder, die ums Leben gekommen sind, weitere 2.375 Kinder wurden verletzt. Noch im vergangenen Jahr wurde die Bevölkerung der Ukraine auf 37,9 Millionen Einwohner geschätzt.

Der Krieg in Gaza hat bis Ende November dieses Jahres mehr als 240.000 "Opfer" gefordert, darunter etwa 70.500 Tote und mehr als 170.000 Verwundete. Diese Schätzungen dieser Zahlen wurden regelmäßig vom Gesundheitsministerium in Gaza veröffentlicht, das jedoch unter der Kontrolle der Hamas steht, was eine echte Verifizierung erschwert, das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA arbeitet mit identischen Schätzungen, auch diese Zahlen können nicht sicher bestätigt werden, da sich zahlreiche Mitarbeiter des Hilfswerkes als Hamas-Unterstützer entpuppten.

Die Schätzungen des Gesundheitsministeriums der Hamas-Regierung unterscheiden zudem nicht zwischen Zivilisten und Milizen unterscheiden. Eine investigative Reportage der Tageszeitung Guardian, des Magazins +972 und des Portals Local Call zitierte jedoch geheime Berichte des israelischen Militärgeheimdienstes, wonach der Anteil der Zivilisten an den Verwundeten und Toten demnach bei 83 Prozent liegt.

Doch auch die Überlebenden der Kriegshandlungen sind nicht zwingend ungeschoren davongekommen. Russische Angriffe zerstören regelmäßig die Energieinfrastruktur ihres Gegners, wobei ukrainische und internationale Medien von 20-stündigen Stromausfällen pro Tag berichten. Die Kapazität der Wärme- (Kohle- und Gas-) und Wasserkraftwerke ist um fast 90 Prozent gesunken.

Die Bevölkerung von Gaza wird auf 2,3 Millionen Menschen geschätzt, im Gegensatz zur weitläufigen Ukraine beträgt die Fläche des Gebiets nur 365 Quadratkilometer – zum Vergleich: Die Fläche von Bratislava beträgt etwa 367 Quadratkilometer. Bereits im Oktober dieses Jahres betraf die Zerstörungswelle mindestens 83 Prozent aller Gebäude, und so etwas wie eine „Energie-Infrastruktur” existiert praktisch nicht mehr.

Auf beiden Schlachtfeldern gab es Bemühungen um einen Waffenstillstand, die sich in Gaza als unhaltbar erwiesen und in der Ukraine gar nicht erst zustande kamen. Israel meldete immer wieder Gründe an, um seine Sicherheitsmaßnahmen wieder aufzunehmen, und der jüngste Krieg in Europa ist wiederum ein Spielfeld der Großmächte – der USA und Russlands –, die beide ihre eigenen Interessen und Vorstellungen haben.

Keine dieser strategischen Überlegungen berücksichtigt die Bedürfnisse von Zivilisten, Frauen, Kindern, Alten und Kranken. Im Angesicht der Weihnachtszeit wäre es für die Staats- und Regierungschefs der Welt angemessen, sich einige Passagen der Heiligen Schrift in Erinnerung zu rufen, insbesondere das Buch Exodus (22,22): „Witwen und Waisen sollt ihr nicht ungerecht behandeln!“ Den Appell des deutschen Bundeskanlers Friedrich Merz nach einem Waffenstillstand über Weihnachten hat Präsident Putin allerdings bereits von sich gewiesen.