Depression gilt oft als Krankheit der Gefühle. Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit stehen im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung. Doch was, wenn das eigentliche Problem tiefer liegt – nicht im Gefühl selbst, sondern in der Fähigkeit, Gedanken überhaupt zu steuern? Genau an diesem Punkt setzt ein internationales Forschungsprojekt mit Tiroler Beteiligung an. Es untersucht, ob depressive Menschen tatsächlich einen Teil der Kontrolle über ihre Gedanken verlieren – und was das über die Krankheit aussagt.
Im Zentrum steht die Frage, warum es Betroffenen so schwerfällt, negative Gedankenspiralen zu unterbrechen, selbst wenn sie wissen, dass diese Gedanken ihnen schaden. Die Forschung deutet seit Jahren darauf hin, dass Depression nicht nur eine emotionale Störung ist, sondern auch eine der kognitiven Kontrolle.
Gedanken stoppen als neurokognitive Leistung
„Die Fähigkeit, belastende Gedanken und negative Gefühle zu unterbrechen, ist ein zentraler Schlüssel zum Verständnis der Depression“, sagt Stefan Duschek, Psychotherapeut und Professor für Gesundheitspsychologie an der Privatuniversität UMIT TIROL in Hall. Gemeinsam mit Forschern der Universität Bonn untersucht er, ob diese Fähigkeit bei Depression tatsächlich eingeschränkt ist – und wenn ja, wie sich das im Gehirn zeigt.
Der Fachbegriff dafür lautet proaktive Kontrolle. Gemeint ist die Fähigkeit des Gehirns, sich im Voraus auf eine Situation einzustellen, störende Reize zu unterdrücken und Handlungen bewusst zu steuern. Im Alltag bedeutet das etwa, einen aufkommenden negativen Gedanken nicht weiterzuverfolgen, sondern gedanklich umzulenken. Bei Depression scheint genau dieser Mechanismus gestört zu sein.
Um das zu überprüfen, greift das Forschungsteam nicht auf Fragebögen zurück, sondern auf ein experimentelles Paradigma, das direkt ins Nervensystem blickt.
Ein Blick, der mehr verrät als Worte
Kern der Untersuchung ist eine weiterentwickelte sogenannte Antisakkadenaufgabe. Versuchspersonen sehen dabei auf einem Bildschirm Gesichter mit unterschiedlichen emotionalen Ausdrücken – freundlich, traurig, ärgerlich oder neutral. Ihre Aufgabe besteht darin, die eigenen Augenbewegungen bewusst zu steuern: In manchen Durchgängen sollen sie dem Reiz folgen, in anderen absichtlich in die entgegengesetzte Richtung blicken.
Was banal klingt, ist neurokognitiv anspruchsvoll. Denn der automatische Impuls, einem emotionalen Reiz zu folgen, muss aktiv unterdrückt werden. Genau hier setzt die Messung an. Per Eye-Tracking werden die Blickbewegungen aufgezeichnet, parallel dazu werden mittels Elektroenzephalografie die zeitlichen Abläufe im Gehirn gemessen. In Bonn kommt zusätzlich funktionelle Magnetresonanztomografie zum Einsatz, um sichtbar zu machen, welche Hirnareale beteiligt sind.
Die Kombination erlaubt es, präzise zu analysieren, wann und wo im Gehirn Kontrollprozesse stattfinden – und ob sie bei depressiven Menschen anders ablaufen als bei Gesunden.
Ein getestetes Instrument, noch offene Ergebnisse
Finanziert wird das Projekt „Neuronale Korrelate proaktiver Kontrolle bei Depression“ vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Das Fördervolumen beträgt insgesamt knapp 200.000 Euro. Erste Studien mit gesunden Probanden sind bereits abgeschlossen und wissenschaftlich publiziert, unter anderem in der Fachzeitschrift Psychophysiology.
Diese Vorarbeiten zeigen: Das entwickelte Testverfahren ist geeignet, Unterschiede zwischen proaktiver und reaktiver Kontrolle sichtbar zu machen. Besonders auffällig ist, dass negative emotionale Reize messbar die kognitive Kontrolle beeinflussen. Mit anderen Worten: Emotionen können das Steuer im Gehirn übernehmen – zumindest teilweise.
Noch offen ist jedoch die entscheidende Frage: Wie ausgeprägt sind diese Effekte bei Menschen mit Depression? In Hall in Tirol und in Bonn wurden bereits Daten von mehr als 200 Personen mit und ohne depressive Erkrankung erhoben. Die Auswertung läuft, erste Ergebnisse werden für das kommende Frühjahr erwartet.
Was das Verständnis von Depression verändern könnte
Sollte sich bestätigen, dass depressive Menschen tatsächlich eine eingeschränkte Fähigkeit zur proaktiven Gedankenkontrolle haben, hätte das weitreichende Konsequenzen. Zum einen würde es erklären, warum gut gemeinte Ratschläge wie „Denk doch positiv“ ins Leere gehen. Zum anderen würde es die Krankheit stärker als neurokognitive Störung begreifbar machen – und weniger als individuelles Versagen.
Therapeutisch eröffnen sich ebenfalls neue Perspektiven. Wenn klar ist, welche Kontrollmechanismen im Gehirn beeinträchtigt sind, könnten gezielte Trainings, Neurofeedback oder angepasste psychotherapeutische Ansätze entwickelt werden, die genau dort ansetzen. Nicht die Inhalte der Gedanken allein stünden im Fokus, sondern die Fähigkeit, Gedanken überhaupt zu lenken.
Zugleich wirft die Forschung auch gesellschaftliche Fragen auf. Objektive Marker für psychische Erkrankungen könnten zur Entstigmatisierung beitragen – bergen aber auch Risiken, etwa im Umgang mit sensiblen Neurodaten oder bei der Vereinfachung eines heterogenen Krankheitsbildes.
Noch ist das Projekt nicht abgeschlossen. Doch schon jetzt deutet sich an: Depression ist womöglich weniger eine Frage des Wollens als des Könnens. Und wer versteht, wie Gedanken außer Kontrolle geraten, könnte künftig auch besser lernen, sie wieder einzufangen.