Der zweite Anlauf der Visegrád-Gruppe

Mitteleuropa ist zurück im Spiel. Die V4-Gruppe erlebt dank nationaler EU-Skeptiker eine Renaissance, doch die demografische Krise könnte alles wieder zunichte machen.

Karol Nawrocki, Peter Pellegrini, Tamas Sulyok a Petr Pavel. Foto: Leszek Szymanski / EPA / Profimedia

Karol Nawrocki, Peter Pellegrini, Tamas Sulyok a Petr Pavel. Foto: Leszek Szymanski / EPA / Profimedia

Das Jahr 2025 ist das Jahr der Rückkehr Mitteleuropas. Aktuell zeigt sich, dass die Stimmen Mitteleuropas im Gegensatz zu ihren westlichen Kollegen mehr gesunden Menschenverstand bewiesen haben, sei es in Bezug auf die Ukraine oder hinsichtlich des Green Deal der EU oder der Einführung des europäischen Emmissionshandels für Brennstoffe (ETS-2-Emmissionszertifikate).

Während in Westeuropa alle kritischen Stimmen zum Schweigen gebracht werden und rund um die Opposition ein Cordon sanitaire oder wahlweise eine Brandmauer gebildet werden, wie im Fall der französischen Front National oder der deutschen AfD (Alternative für Deutschland), ist die Situation in Mitteleuropa anders. EU-skeptische Politiker in Mitteleuropa bekleiden dort auch verschiedene Regierungsämter.

Auch US-Präsident Donald Trump bekundete zum Ende des Jahres 2025 sein Interesse an einem stärkerem Mitteleuropa. Seine Regierung formuliert derzeit einen Plan namens „Make Europe Great Again“, dessen Ziel es sein soll, den Zusammenhalt der Europäischen Union zu schwächen, indem ausgewählte Mitgliedstaaten aus dem Kern des Integrationsprojekts herausgelöst und enger an die Vereinigten Staaten gebunden werden sollen.

Zu den favorisierten Ländern gehören auch zwei der vier Mitglieder der Visegrad-Gruppe – Ungarn und Polen – sowie Italien und Österreich. Trumps Strategie knüpft damit paradoxerweise an die langjährige „Soros-Interpretation” über die Bedeutung Mitteleuropas an: einer Region, die nicht nur eine Peripherie des Westens ist, sondern auch der geopolitische Schlüssel zu seiner zukünftigen Ordnung.

Das Weiße Haus hat zwar anschließend dementiert, dass „Make Europe Great Again“ Teil der offiziellen Doktrin der nationalen Sicherheit sei, doch ändert dies nichts daran, dass der Geist dieser Information Trumps langfristiger Politik gegenüber Europa entspricht - nämlich dem Bestreben, künftig nicht mit der Europäischen Union als Ganzes, sondern mit einzelnen Mitgliedstaaten direkt zu verhandeln.

Wer Mitteleuropa beherrscht, bestimmt nicht nur dessen Richtung, sondern auch das Kräfteverhältnis im gesamten euro-atlantischen Raum. Mitteleuropa steht damit erneut im Mittelpunkt des geopolitischen Interesses, was für die Visegrad-Gruppe, bestehend aus Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien, jedoch vor allem einen politischen Sieg heute aber auch eine demografische Niederlage morgen bedeuten kann.

Wiederbelebung der V4

Für die Wiederbelebung des V4-Modells reicht ein neuer US-Präsident allein nicht aus. In jedem Staat müssen Parteien gewinnen, die dieser engeren Zusammenarbeit positiv gegenüberstehen. Praktisch handelt es sich dabei um Parteien, die innerhalb der EU eher nationalistisch und weniger „föderalistisch” ausgerichtet sind. Die sogenannten pro-europäischen Politiker sahen in der Zusammenarbeit der V4 nie einen großen Sinn, da die Länder bereits im Rahmen der Europäischen Union zusammenarbeiten.

Die V4-Gruppe wurde sogar eher als problematisch angesehen. Zu Beginn des Jahres 2025 strebten daher nur die Slowaken und die Ungarn eine engere Zusammenarbeit an. Die geopolitische Wende kam mit den Präsidentschaftswahlen in Polen. Sieger wurde der konservative Kandidat Karol Nawrocki, der sich in der zweiten Runde mit knappem Vorsprung gegen den pro-europäischen Rafał Trzaskowski durchgesetzt hatte. Der neue polnische Präsident besuchte im November dann die Amtskollegen in Prag und Bratislava.

Eine weitere geopolitische Verschiebung waren die Wahlen in der Tschechischen Republik. Unmittelbar nach Bekanntgabe der Ergebnisse kündigten die siegreichen Parteien an, dass sie die engstmöglichen Beziehungen innerhalb der V4 wiederherstellen und vor allem die angeschlagenen Beziehungen zur Slowakei verbessern wollen. Die erste Auslandsreise des tschechischen Parlamentspräsidenten Tomio Okamura führte dann auch in die Slowakei.

Nach einer längeren Pause fand am 3. Dezember 2025 in Ungarn erstmals wieder ein Gipfeltreffen der Staatschefs der Visegrad-Gruppe statt. Das Jahr 2025 wurde so zu einer Bekräftigung einer neu möglichen engeren Zusammenarbeit. Doch nichts ist ohne Risiko.

Das Schicksal der V4 liegt aktuell in den Händen der ungarischen Wähler, wo im April 2026 wichtige Wahlen stattfinden werden. Diese werden nicht nur die ungarische Innenpolitik beeinflussen, eine Niederlage von Präsident Viktor Orbán würde auch eine Schwächung der gesamten Region Mitteleuropa hinsichtlich der Vertretung ihrer eigenen Interessen bedeuten.

Demografische Bedrohung

Obwohl die Visegrád-Gruppe einen Neuanfang in der Politik wagt, schwebt über der gesamten Region jedoch eine große Bedrohung: die Demografie. Das davon am stärksten betroffene Land ist überraschenderweise ausgerechnet das katholische Polen.

Mit einer Geburtenrate von durchschnittlich nur 1,03 Kindern pro Frau hat es heute die niedrigste Geburtenrate auf dem europäischen Kontinent. Die Tschechische Republik schneidet mit 1,37 Kindern pro Frau etwas besser ab, aber 2024 wurden nur etwa 84.300 Kinder geboren, was die niedrigste Zahl seit der Zeit von Königin Maria Theresia darstellt und das dritte Jahr in Folge einen Rückgang dokumentiert. Im Jahr 2025 wird dieser traurige Rekord jedoch gebrochen werden. Es ist nicht sicher, dass die fünfstellige Gesamtzahl der Neugeborenen noch vorne mit einer Acht beginnen wird.

In Ungarn und in der Slowakei ist die Situation etwas besser, aber dennoch sind alle Länder weit von einer natürlichen Bevölkerungserneuerung entfernt, die 2,1 Kinder pro Frau voraussetzt. Im Falle Ungarns und Polens zeigt sich, dass selbst eine massive, großzügige Unterstützung der Familienpolitik durch den Staat die Situation nicht wesentlich verändert.

Das Problem ist tiefer als nur der Mangel an Geld. Es ist zwar ein wichtiger Faktor, aber nicht der entscheidende. Benötigt würde stattdessen eine andere, allgemeine Ausrichtung der Gesellschaft, die nicht mehr auf individuelle Leistung setzt, sondern eine echte familienfreundliche Politik gestaltet. Wenn die Visegrad-Gruppe den Ehrgeiz hat, langfristig eine Rolle in der europäischen Politik zu spielen, muss sie die Demografie nicht mehr als nationales Problem einzelner Staaten betrachten, sondern sie gemeinsam als strategische Frage für das Überleben der gesamten Region angehen.

Mitteleuropa ist 2025 wieder im Spiel, aber es ist ein Spiel auf Zeit. Wenn es der Visegrad-Gruppe nicht gelingt, den aktuellen politischen Moment in eine demografische Erneuerung umzusetzen, wird ihre neu gewonnene Bedeutung erschöpft sein, bevor sie sich in eine echte und langfristige Stärke verwandeln kann.