Seit den ersten Verhandlungen in Istanbul kurz nach Kriegsbeginn, versprach das Jahr 2025 mehr als jemals zuvor Frieden in der Ukraine. Mehrere Faktoren sprechen dafür.
Der erste ist Donald Trump. Der amerikanische Präsident will nicht, dass die Amerikaner aus ihrer eigenen Tasche einen Konflikt finanzieren, der für sie strategisch gesehen nur eine Nebenrolle spielt und der den Vereinigten Staaten nicht gelegen kommt, da er zwei andere Weltmächte einander näher bringt.
Daraus resultiert eine zunehmend rationale Haltung der Ukraine selbst. Ihre Zukunftsaussichten sind keineswegs rosig. Die Großmacht, die ihr bislang Waffen und wichtige Geheimdienstinformationen liefert, will Frieden - und überlässt die Belastung einer Hardliner-Haltung gegen Russland jetzt Europa. Die Vereinigten Staaten werden zwar weiterhin Waffen liefern, aber nur noch gegen Bezahlung durch den europäischen Kontinent.
Europa ist zwar theoretisch in der Lage, die Verteidigung der Ukraine zu finanzieren und sie mit gekauften amerikanischen Waffen auszurüsten, aber in der Praxis geht dies nur auf Kosten von Kürzungen an anderer Stelle, zum Beispiel im boomenden Sozialbereich. Aber das ist politisch auf nationaler Ebene der Mitgliedstaaten wirklich unpopulär.
Auch weitere Fakten tragen nicht gerade zum Optimismus Kiews bei.
Russland hat zum Stand Anfang Dezemebr 2025 in diesem Jahr 4.669 Quadratkilometer Territorium erobert. Das ist zwar nicht viel, aber der Vormarsch ist der schnellste seit 2022.
Durch die Einkesselung von Pokrowsk und Myrnohrad öffnet sich der Weg zu einem der größten Hindernisse, die einem schnellen Vormarsch tief ins Landesinnere bislang im Wege stehen. Die Rede ist vom ukrainischen Festungsgürtel im Donbass-Gebiet. Dieser besteht aus einer befestigten Verteidigungslinie, die sich (vor dem Krieg) von der 100.000 Einwohner zählenden Stadt Slawjansk über die noch größere Stadt Kramatorsk bis zur 70.000 Einwohner zählenden Stadt Kosztantynówka erstreckt.
Im November kam auch die Front in der Region Saporischschja in Bewegung, wo die Russen auf die Stadt Hulajpole vorrücken. Ihre wöchentlichen Gebietsgewinne stiegen im Dezember nicht mehr an, aber täglich besetzen sie immer noch etwa ein Dutzend Quadratkilometer.
Die Infrastruktur der Ukraine ist inzwischen zerstört. Die Russen greifen Kraftwerke an, wobei auch Kernreaktoren nicht verschont bleiben. Ein Teil davon musste nach dem Angriff im November vorübergehend abgeschaltet werden, da eine wichtige Umspannstation getroffen wurde, die für den Betrieb der Kühl- und Sicherheitssysteme unerlässlich ist.
Kiew meldete zudem vor dem Winter auch einen Gasmangel. Zum einen wegen der Angriffe auf die Orte, an denen die Ukrainer Gas fördern, zum anderen wegen der immer häufiger werdenden Angriffe auf die dortigen Pipelines. Seit Anfang des Jahres stehen sie nicht mehr unter dem bisherigen Schutz der wirtschaftlichen Interessen des Kremls, da dort inzwischen kein russisches Gas mehr durchfließt.
Der ukrainische Staatsapparat löst dieses Problem durch Importe, aber auch diese sind ja nicht sakrosankt. Russland hatte bereits einmal den ukrainischen Teil der Transbalkan-Gaspipeline angegriffen, über die Kiew amerikanisches LNG aus Griechenland bezieht.
All dies wirkt sich auf die Moral der Ukrainer, aber auch auf die Produktionsmöglichkeiten der Wirtschaft aus.
Die kleinen Funken des Friedens-Optimismus werden zudem durch einen riesigen Korruptionsskandal innerhalb der Regierung überschattet. Dieser kostete bereits den Chef des Regierungsbüros, Andrij Jermak, den Kopf, der Zelenskys verlängerte rechte Hand war.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Lage jedes Jahr, seit Beginn der russischen Invasion und der erfolgreichen Gegenoffensive Kiews, immer schlimmer wird. Die Ukrainer verlieren nach und nach den Boden unter den Füßen. Im übertragenen und auch im wörtlichen Sinne. Auch deshalb sind die Friedensbemühungen zum Jahresende ein willkommener Hoffnungsschimmer. Bemühungen, die bis vor kurzem westlich der Ukraine noch tabu war.
Obwohl Russland militärisch auf dem Vormarsch ist und Wladimir Putin im Weißen Haus viel mehr Verständnis findet als noch im letzten Jahr, ist auch die Lage im Land des Bären nicht gerade rosig.
Die russische Produktion ist in den vergangenen zwei Jahren um etwa vier Prozent gewachsen, aber das Wachstum war über die gesamte Wirtschaft hinweg relativ ungleichmäßig verteilt – der Lebensstandard und die Einkommen stiegen vor allem in den Bereichen Verteidigung und Technologie.
Heute ist auch dieses schnelle Wachstum nicht mehr gegeben, Experten sprechen von Stagnation und einem BIP-Wachstum von nur noch etwa einem Prozent. Der Multiplikatoreffekt der Militärausgaben ist erschöpft, aber das Land hat zwischenzeitlich keine nennenswerten Fortschritte gemacht, nur ein kleiner Teil der ausgegebenen Gelder floss in Investitionen, ein Großteil davon versank auf dem Schlachtfeld.
Die russische Zentralbank leidet weiterhin unter anhaltender Inflation. Diese ist heute um ein Vielfaches höher als in Europa oder den Vereinigten Staaten. Obwohl sie insgesamt sinkt, liegt sie immer noch bei etwa sieben Prozent. Die Währungshüter halten daher die Zinsen seit Monaten auf einem recht hohen Niveau, was den Zugang zu Wohnraum erschwert, die Investitionstätigkeit der Unternehmen einschränkt und den Konsum dämpft.
Unterdessen verliert das Land Arbeitskräfte an die Front. Die genaue Zahl zu schätzen, wäre Gegenstand einer eigenen Studie, aber man kann wohl von einer halben Million Toten und Schwerverletzten ausgehen, die damit nicht nur aus dem Kampfgeschehen und sondern auch aus der intensiven Wirtschaftstätigkeit ausgeschieden sind.
Obwohl Russland deutlich mehr Männer hat als die Ukraine, ist die Demografie ein großes Problem, das nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden kann. In Russland werden nur noch wenige Kinder geboren. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Rekordtief und die Unternehmen finden keine Arbeitskräfte. Das Land ist entsprechend ein Magnet für Arbeitsmigranten geworden.
Auch für den Kreml wird die Aussicht auf Frieden immer attraktiver, obwohl es sich in Russland nicht um eine so dringende Angelegenheit wie im Fall der Ukraine handelt. Trotz der Meinungsverschiedenheiten in Fragen des Territoriums oder der Sicherheitsgarantien für die Ukraine bringt das Vorhandensein gemeinsamer Interessen in den ersten Monaten des neuen Jahres den notwendigen Hoffnungsschimmer auf Erfolg der Friedensverhandlungen.