Österreich stellt nach einem Jahr Pfand die Sinnfrage am Leergutautomaten

Ein Jahr Einwegpfand hat den Alltag verändert. Die Rücklaufzahlen steigen, doch Startprobleme, Kritik und offene Fragen bleiben. Wurden die Ziele erreicht?

Symbolfoto. Foto: SimpleImages/Getty Images

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WIEN. Ein Jahr Einwegpfand liegt hinter Österreich. Seit Januar 2025 hat sich ein unscheinbarer Handgriff in den Alltag vieler Menschen eingeschrieben. Leere Flaschen und Dosen werden nicht mehr entsorgt, sondern gesammelt, transportiert und am Automaten zurückgegeben. Kaum eine umweltpolitische Maßnahme der vergangenen Jahre hat das tägliche Verhalten so unmittelbar verändert. Zeit für eine nüchterne Bilanz.

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Was als ökologisches Lenkungsinstrument konzipiert war, ist rasch zur Alltagsroutine geworden. Gleichzeitig zeigen sich nach zwölf Monaten jene Reibungen, die große Systemumstellungen fast zwangsläufig begleiten. Das Einwegpfand funktioniert, aber nicht friktionsfrei.

Der Zweck des Systems war klar definiert. Die Sammelquoten bei Einweg-Getränkeverpackungen sollten steigen, zugleich sollte sich die Qualität des Recyclings verbessern. Österreich lag vor der Einführung bei Kunststoffflaschen bei etwa 70 Prozent. Das reichte nicht aus, um die inzwischen verbindlichen europäischen Zielwerte abzusichern.

Bis Ende 2025 müssen mindestens 77 Prozent aller Einweg-Kunststoffflaschen gesammelt werden. Ab 2029 steigt diese Quote auf 90 Prozent. Da das Jahr 2025 faktisch abgeschlossen ist, war das Einwegpfand kein langfristiges Zukunftsprojekt, sondern ein Instrument, um diese Vorgaben rechtzeitig zu erreichen. Ohne zusätzliche Lenkung wäre das kaum realistisch gewesen.

Politisch umgesetzt wurde das System in der Amtszeit der schwarz-grünen Regierung unter der damaligen Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne). Bei der Einführung bezeichnete sie das Pfand als „wichtigen Schritt für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft“. Ziel sei es, wertvolle Rohstoffe im Umlauf zu halten und die Recyclingqualität zu erhöhen. „Ohne Pfand kommen wir bei den Sammelquoten nicht dorthin, wo wir hinmüssen“, sagte sie.

Neben den formalen Zielwerten spielte auch ein sichtbares Alltagsproblem eine Rolle. Das achtlose Wegwerfen von Flaschen und Dosen im öffentlichen Raum sollte reduziert werden. Der Pfandbetrag von 25 Cent verleiht jeder Verpackung einen konkreten Wert und verändert Verhalten unabhängig von Umweltbewusstsein oder Überzeugung.

Das System selbst ist technisch einfach. Einweg-Kunststoffflaschen und Metalldosen zwischen 0,1 und 3 Litern sind pfandpflichtig. Ausgenommen sind unter anderem Milch und Sirupe. Der Handel ist zur Rücknahme verpflichtet. In der Praxis erfolgt diese überwiegend über Automaten. Die Verpackungen werden gesammelt, gepresst und der Wiederverwertung zugeführt.

Bilanz nach einem Jahr

Nach dem ersten vollständigen Jahr zeigt sich, dass das System insgesamt intensiv genutzt wird. Nach Angaben der Systembetreiber wurden bis zum Jahresende 2025 mehr als eine Milliarde Flaschen und Dosen zurückgegeben. Die endgültige Sammelquote wird erst mit zeitlicher Verzögerung ausgewiesen, da ein Teil der im Jahr 2025 in Umlauf gebrachten Gebinde erst 2026 retourniert wird. In der Abfallwirtschaft gilt es jedoch als wahrscheinlich, dass Österreich die Quote von 77 Prozent erreicht oder sehr nahe daran liegt.

Diese Jahresbilanz steht nicht im Widerspruch zu den schwachen Rücklaufzahlen in der Startphase. Im ersten Quartal 2025 wurden rund 255 Millionen Pfandgebinde in Umlauf gebracht, zurückgegeben wurden jedoch nur etwa 36 Millionen. Das lag weniger an mangelnder Akzeptanz als an einem systemimmanenten Zeitverzug. Viele Konsumenten sammelten Flaschen und Dosen zunächst über Wochen oder Monate, bevor sie diese erstmals zurückgaben.

Gerade in dieser Anfangsphase führte der verzögerte Rücklauf zu operativen Problemen. In den Sortieranlagen stauten sich zeitweise gepresste Ballen, insbesondere im niederösterreichischen Leopoldsdorf. Ein Teil der Mengen musste ausgelagert werden, zusätzliche Kapazitäten wurden kurzfristig organisiert. Erst mit zunehmender Routine bei Konsumenten und Handel stabilisierten sich die Stoffströme im Laufe des Jahres. Der Geschäftsführer von Recycling Pfand Österreich, Simon Parth, kündigte an, dass ab 2026 in Müllendorf eine neue Sortier- und Zählanlage in Betrieb gehen soll. „Das ist dann die Hauptpfandsortieranlage in Österreich“, sagte Parth. Die Anlage sei auf bis zu 2,5 Milliarden Dosen und Flaschen pro Jahr ausgelegt.

Kritik gibt es auch an den Strukturen des Systems. Die zentrale Pfandorganisation wird von einem Trägerverein kontrolliert, in dem große Getränkehersteller und Handelskonzerne dominieren. Führende Funktionen liegen bei Vertretern von Coca-Cola, Red Bull, Rewe und Hofer. Kleinere Marktteilnehmer sehen diese Machtkonzentration kritisch, verweisen aber zugleich auf die geringe Aussicht auf strukturelle Änderungen.

Auch Betrugsmöglichkeiten werden diskutiert. In kleineren Betrieben ohne Rücknahmeautomaten werden Flaschen und Dosen gesammelt, ohne sofort entwertet zu werden. Kritiker sehen darin ein Risiko. Parth widerspricht. „Wir arbeiten mit plombierten Säcken und klaren Abrechnungswegen“, sagte er. „Jeden Schaden, der uns zugefügt wird, würden ohnehin wieder die Produzenten bezahlen.“

Probleme zeigten sich zudem bei Veranstaltungen. Zeltfeste und Großevents waren auf das neue System vielfach nicht vorbereitet. „Das ist sicher etwas, wo wir als System noch lernen müssen“, räumte Parth ein. Für 2026 sollen standardisierte Lösungen bereitstehen.

Die FPÖ rief eine Petition zur Abschaffung des Pfands ins Leben. Screenshot: FPÖ.AT

Was vom Einwegpfand bleibt

Politisch bleibt das Einwegpfand umstritten. Die FPÖ lehnt das System grundsätzlich ab und fordert dessen Abschaffung. Parteichef Herbert Kickl spricht von „grüner Bevormundung im Alltag“ und bezeichnet das Pfand als Zwangsmaßnahme, die Konsumenten belaste und den Einkauf verteuere. Österreich habe bereits vor Einführung des Systems hohe Sammelquoten erreicht. Ein zusätzlicher Eingriff sei daher unnötig gewesen.

Die FPÖ argumentiert auch sozialpolitisch. Haushalte mit wenig Platz und geringerem Einkommen seien stärker betroffen. Der zusätzliche Zeitaufwand bei Rückgabe und Lagerung werde politisch unterschätzt.

Dieser Zeitfaktor ist tatsächlich messbar. Wer einmal pro Woche Leergut zurückbringt und dabei durchschnittlich fünf Minuten vor dem Automaten verbringt, investiert 260 Minuten pro Jahr. Das entspricht vier Stunden und 20 Minuten. Für den einzelnen Haushalt ist das überschaubar. In der Summe wird daraus jedoch ein relevanter Alltagsaufwand.

Nach einem Jahr zeigt sich damit ein differenziertes Bild. Das Einwegpfand erfüllt seinen Kernzweck. Die Rücklaufmengen sind hoch, die Recyclingqualität hat sich verbessert, und Verpackungen verschwinden seltener aus dem öffentlichen Raum. Gleichzeitig ist das System noch nicht ausgereift. Kapazitätsfragen, Organisationsprobleme und politische Akzeptanz bleiben offene Baustellen.

Richtung 2026 geht es daher weniger um Grundsatzfragen als um Nachschärfung. Ob aus einem funktionierenden, aber sperrigen System ein stabiler Standard wird, entscheidet sich nicht an politischen Bekenntnissen, sondern an der Praxis.