"Situationship" statt fester Bindung - Warum uns Beziehungen ohne Rahmen erschöpfen

Moderene Zeiten bringen ständig neue Beziehungsformen mit immer neuen Namen hervor - doch statt Nähe, Intimität und Glück produzieren diese unsicheren Bindungen zunehmend Erschöpfungen und Frust.

Das Illustrationsfoto wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Štandard/Midjourney

Das Illustrationsfoto wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Štandard/Midjourney

Man traut sich nicht, den Partner zu fragen, ob man nun tatsächlich zusammen ist - denn wenn man diese Frage stellt, könnte die Antwort auch alles wieder zerstören. - Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, stecken Sie vielleicht in einer so genannten "Situationship" (eine Kombination aus den englischen Wörtern situation und relationship) fest, der Grauzone zwischen Freundschaft und Beziehung, bei der man nicht weiß, woran man ist.

Für jüngere Menschen ist Situationship eher etwas anderes

Situationship unterscheidet sich von der bereits als "friends with benefits" bekannten Beziehungsform (Gute Freunde mit Gelegenheitssex) dadurch, dass die Beteiligten auch außerhalb des Bettes Zeit miteinander verbringen. Sie hat sowohl eine emotionale als auch eine körperliche Dimension, aber es fehlt ihr an einer klaren Benennung und Ausrichtung. Man legt sich nicht fest udn kebt in den Tag.

Als Frau Anfang dreißig kann ich bestätigen, dass es sich um ein Phänomen handelt, das besonders für Millennials und die Generation Z charakteristisch ist.

Unter meinen älteren Freunden, die nicht verheiratet sind, ist eine solche unsichere Bindung eine Seltenheit. Wenn sie sich bereits mit jemandem verabunden haben, wollen sie in der Regel klarstellen, dass sie in einer festen Beziehung sind.

Ein umgekehrtes Konzept

Die Situationship ist zeitlich nicht befristet, sondern bleibt auch nach Monaten oder Jahren noch genauso unverbindlich, wie sie am Anfang war. Sie ist damit eine äußerst pragmatische Beziehung - Verabredungen und Sex sind sicher, manchmal kommen gemeinsame Aktivitäten oder Ausflüge hinzu, aber jeder bleibt in seiner Wohnung, niemand hat sich verpflichtet oder gar Versprechungen auf eine gemeinsame Zukunft gemacht. Wie lange sie andauern wird, weiß niemand. Die Soziologin Elizabeth Armstrong erklärt, dass das Konzept derdeiser unverbindlichen Beziehungen eigentlich in einem völligen Widerspruch zu der allgemeinen Vorstellung steht, dass es im Normalfall Zeitverschwendung ist, mit jemandem zusammen zu sein, mit dem es niergendwo hin führt. Und genau darin liegt dann auch die größte Schwachstelle der "Situationship".

Dopamin-Chaos

Der Schlüssel liegt darin, die Beziehung nicht irgendwann neu zu definieren und damit am Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Es ist jedoch so, dass fast immer einer der beiden "mehr" fühlt, als der andere, aber Angst hat, es zuzugeben oder gar mehr einzufordern, damit der andere diese unverbindliche Form nicht beendet.

"Schweigen ist für den einen ein Trost, für den anderen eine Angst. Unverbindliche Beziehungen funktionieren, wenn sie intensiv sind, aber sie scheitern daran, dass es keine Vereinbarung gibt und keine emotionale Intimität verankert ist. Das ist keine Liebe. Das ist Dopamin-Chaos", so beschreibt die Psychologin Ivana Chergetova diese emotionale Asymmetrie.

Das Gehirn ist in solchen Situationen unvorhersehbaren "Belohnungen" und einer emotionalen Achterbahn ausgesetzt. In einem Moment entsteht Nähe, im nächsten Schweigen, was das Verlangen und das Suchtverhalten steigert - ähnlich wie beim Glücksspiel.

In der Praxis äußert sich dies in ständigem Nachdenken über die andere Person, in erhöhter Angst, Gefühlsschwankungen und einem starken Bedürfnis nach Bestätigung. Denn keiner weiß, wie lange die Pause zwischen den Begegnungen dauern wird und ob sie endgültig ist.

Wenn Sie tagsüber nichts von Ihrem echten Partner hören, brauchen Sie sich nicht zu stressen, denn am Abend werden Sie sich höchstwahrscheinlich treffen oder zumindest anrufen, um den Tag zu besprechen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder Sie wissen, warum der andere keine Zeit hatte, oder er wird es Ihnen später am Tag erklären. In einer "frühen Beziehung" ist die andere Partei Ihnen keine Erklärung schuldig.

Eine gesunde Beziehung zeichnet sich durch Gewissheit und offene Kommunikation aus. Eine "Situationship" hingegen bringt innere Unruhe und Chaos mit sich, was auf Dauer anstrengend für die Psyche und das Nervensystem ist.

Die Frage nach dem "uns"

Die Ungewissheit über den Beziehungsstatus hat somit erhebliche Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und das Erleben von Vertrauen in Beziehungen, insbesondere bei sensibleren Menschen. Die so gemachten Erfahrungen können bleibende Spuren hinterlassen, die sich auf das Vertrauen in künftige Beziehungen auswirken und sich auch in anderen Lebensbereichen bemerkbar machen können.

Experten betonen deswegen, dass es wichtig ist, sich mit den eigenen Bdürfnissen auseinanderzusetzen und, wenn man sich nach voller Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und Bestätigung sehnt, in der Beziehung die Frage zu stellen, "wie es uns geht". Bei dieser Art von unreifen Beziehung besteht nämlich das größte Leid nicht darin, diese zu verlieren, sondern darin, den Zeitraum zu verlängern, in dem man unzufrieden ist, weil man nicht weiß, woran man ist. Sie verprassen sonst sinnloss Zeit, die Sie in einer echten Beziehung verbringen könnten.