Zehntausende Polizisten, Anti-Terror-Einheiten, Helikopter und Drohnen: Europas Hauptstädte sind in Alarmbereitschaft. In Wien sollen 1.000 zusätzliche Spezialkräfte und Drohnen den Silvesterpfad in der Innenstadt überwachen, die deutsche Bundespolizei hat an allen „neuralgischen Punkten“ in München, Berlin, Düsseldorf, Hamburg und Hannover „robuste Einheiten“ in Bereitschaft gesetzt. In Paris wurde erstmals seit mehr als 60 Jahren das große Open-Air-Konzert, das zuletzt eine Million Menschen auf die Champs-Élysées lockte, abgesagt – mit der behördlichen Bitte an alle Franzosen, den „Jahreswechsel doch im heimischen Wohnzimmer zu begehen“.
Drohnen und 1.000 zusätzliche Spezialkräfte in Wien
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Staatssekretär Jörg Leichtfried (SPÖ), Landespolizeivizepräsident Dieter Csefan sowie den Vertretern aller vier Rettungsorganisationen erklärte Österreichs Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) am Dienstagvormittag die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen die rund um den Wiener Silvesterpfad, zu dem auch dieses Jahr wieder 800.000 Besucher erwartet werden, geplant sind. „Silvester ist eine der „intensivsten Nächte für die Polizei in Österreich“, so Karner. Die Polizei setze darum auch heuer vor dem Hintergrund der weltweit erhöhten Terrorbedrohungslage und der weiterhin in Österreich geltenden Warnstufe 4 auf verdeckte sowie sichtbare Präsenz.
Das bestätigte auch der zuständige Staatssekretär Jörg Leichtfried. In diesem Zusammenhang habe es erst am Dienstag Razzien durch Beamte des Staatsschutzes gegeben. „Dabei sind illegale Waffen und Feuerwerkskörper sichergestellt worden“, erklärte Leichtfried. Laut Karner sei man aber „auf alles vorbereitet“.

Deutsche Bundespolizei setzt „robuste Einheiten“ in Bereitschaft
Und auch Deutschland rüstet sich für den Ernstfall. In einem Interview mit der "Rheinischen Post" erklärte der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei für den Bereich Bundespolizei, Andreas Roßkopf: "Ich warne jeden potenziellen Krawallmacher. Wir sind gut vorbereitet und werden durchgreifen." Roßkopf betonte, angesichts der negativen Erfahrungen aus den Vorjahren stelle auch die Bundespolizei einen erhöhten Kräfteansatz für Silvester zusammen: "Insbesondere an den großen Bahnhöfen wie München, Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg oder Hannover". Neben mobilen Kontroll- und Überwachungseinheiten und der Bundesbereitschaftspolizei seien auch technische Spezialkräfte "sowie sogenannte robuste Einheiten in Bereitschaft". Ebenso seien Vorkehrungen für einen Einsatz von Hubschraubern getroffen worden.
In Berlin bereitet sich die Polizei sogar auf eine Silvesternacht vor, „die mit früheren Jahren kaum noch vergleichbar ist.“ Die Einsatzlage habe sich grundlegend verändert, so Polizeipräsidentin Barbara Slowik-Meisel gegenüber der Presse. Illegale Pyrotechnik sei massenhaft im Umlauf, die Hemmschwelle für Gewalt gesunken, die Täter auffallend jung. Laut Slowik-Meisel laufen bei der Berliner Polizei bereits seit September intensive Vorbeitungen auf die Silvesternacht. Rund 4.300 Beamte werden im Einsatz sein. Erstmals werden sie dabei flächendeckend Bodycams tragen.

Angst vor Terror – Paris streicht traditionelles Silvesterkonzert auf den Champs-Elysées
In Paris geht man angesichts der erhöhten Terrorgefahr auf Nummer sicher – und sagte das legendäre Silvesterkonzert auf dem Champs-Elysées, bei dem jedes Jahr eine Million Menschen ins Neue Jahr „rutschen“, zum ersten Mal in 60 Jahren ab. Wie Euronews berichtet, hätte die Polizeipräfektur die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, gebeten, das traditionelle Konzert vor dem Arc de Triomphe abzusagen, um das Risiko von Gedränge, Menschenansammlungen, Massenbewegungen und Ausschreitungen aufgrund des großen Andrangs bei dieser Veranstaltung zu verringern. Das Feuerwerk findet hingegen statt – mit einem Großaufgebot von 6.000 Polizisten.
Laut einem Sprecher der Pariser Polizei sei die Sicherheitslage am Silvesterabend des vergangenen Jahres mehr als bedenklich gewesen. "Letztes Jahr hatten wir in zwei Stunden Silvesterfeier auf den Champs Elysées mehr Angstmomente als in den drei Wochen der Olympischen Spiele", schildert ein Polizeibeamter die Erfahrungen der Behörden.
Besonders grotesk: Statt Live-Musik und ausgelassener Feierlaune auf dem Pariser Prachtboulevard Champs-Élysée wird im französischen Fernsehen ein vorproduziertes Video mit Konzertausschnitten der vergangenen Jahre gezeigt – mit der behördlichen Bitte, „die Pariser möchten den Jahreswechsel doch im heimischen Wohnzimmer begehen“.
„Wir lassen uns unsere Art zu leben nicht nehmen"
Für viele Franzosen, aber auch für sehr viele andere Europäer ist von dem vielzitierten Satz „Wir lassen uns unsere Art zu leben nicht nehmen“, der regelmäßig nach einem Terror-Anschlag in ganz Europa zu hören ist, nur eine hohle Phrase übriggeblieben. Silvesterkonzerte werden abgesagt, Weihnachtsmärkte in ganz Europa mit Betonpollern gesichert, auf Volksfesten und Open-Air-Konzerten herrscht erhöhte Alarmbereitschaft, die Kriminalstatistiken sprechen eine deutliche Sprache. „Unsere Art zu leben“ wird tatsächlich Stück für Stück geopfert.