Gewalt auf dem Pausenhof: 2.187 Schüler an Österreichs Schulen suspendiert

Immer mehr und immer jüngere Kinder greifen zu Gewalt, bereits in den Grundschulen wurden hunderte Kinder suspendiert. Das Bildungsministerium will nun gegensteuern – doch die Zahlen zeigen ein strukturelles Problem.

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Statement / Midjourney

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Statement / Midjourney

Wien. Im Schuljahr 2024/25 wurden in Österreich 2.187 Kinder und Jugendliche wegen Gewalt vorübergehend vom Unterricht ausgeschlossen. Damit liegt die Zahl der sogenannten Suspendierungen mehr als doppelt so hoch wie noch vor der Corona-Zeit. Die aktuellen Daten markieren keinen kurzfristigen Ausreißer, sondern verdichten eine Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet. Neu ist vor allem zweierlei: die wachsende Zahl sehr junger Betroffener und die nun angekündigte Neuausrichtung des Umgangs mit Suspendierungen durch das Bildungsministerium.

Auffällig ist insbesondere der hohe Anteil an Suspendierungen in den Volksschulen, also den Grundschulen. 413 Kinder wurden dort im vergangenen Schuljahr zeitweise vom Unterricht ausgeschlossen. Damit entfällt beinahe jede fünfte Suspendierung auf eine Altersgruppe, in der schulische Gewalt lange Zeit als Ausnahme galt. Während Konflikte auf dem Schulhof früher überwiegend in der Pubertät eskalierten, zeigt sich nun eine deutliche Verschiebung nach unten. Das stellt nicht nur Lehrer und Schulleitungen vor neue Herausforderungen, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen zur frühkindlichen Sozialisation und Sprachförderung auf.

In absoluten Zahlen verzeichneten die Mittelschulen, vergleichbar mit Haupt- und Realschulen in Deutschland, mit 1.187 Fällen weiterhin die meisten Suspendierungen. Dort handelt es sich überwiegend um Jugendliche, bei denen sich Konflikte über längere Zeit aufgebaut haben. Die Zahlen aus den Volksschulen sind dennoch der eigentliche Einschnitt, weil sie darauf hindeuten, dass grundlegende Regeln des Zusammenlebens bereits im frühen Kindesalter nicht mehr selbstverständlich vermittelt oder eingehalten werden können.

Hinzu kommen 328 Suspendierungen an Sonderschulen. Bezogen auf die Schülerzahl ist der Anteil dort mit etwa zwei Prozent am höchsten. Auch Polytechnische Schulen, also das letzte Pflichtschuljahr vor dem Berufseinstieg, weisen überdurchschnittlich hohe Werte auf. Insgesamt konzentrieren sich Gewaltvorfälle dort, wo soziale, sprachliche oder psychische Belastungen besonders ausgeprägt sind. Das spricht weniger für individuelle Ausreißer als für strukturelle Spannungen, die sich im Schulalltag entladen.

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Warum das Bildungsministerium jetzt handelt

Vor diesem Hintergrund kündigt das Bildungsministerium eine grundlegende Änderung im Umgang mit Suspendierungen an. Ab dem kommenden Schuljahr sollen betroffene Schüler nicht mehr bloß vom Unterricht ausgeschlossen werden. Stattdessen wird eine verpflichtende Suspendierungsbegleitung eingeführt. Diese sieht vor, dass suspendierte Kinder und Jugendliche bis zu zehn Stunden pro Woche an Unterrichtseinheiten, psychosozialen Maßnahmen oder externen Projekten teilnehmen müssen. Ziel ist es, Eskalationen abzufedern und eine geordnete Rückkehr in den Regelunterricht vorzubereiten.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) sprach gegenüber der Nachrichtenagentur APA von einem notwendigen Schritt. Suspendierungen dürften nicht länger bloße Sanktionen sein, sondern müssten als pädagogisches Instrument genutzt werden. Gerade bei jüngeren Kindern gehe es darum, problematische Entwicklungen früh zu unterbrechen, bevor sich Gewaltmuster verfestigen und dauerhaft auf die Bildungsbiografie auswirken.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr: Reuters
;;Bildungsminister Christoph Wiederkehr: Reuters

Die Maßnahme ist zugleich ein Eingeständnis, dass herkömmliche Mittel vielerorts nicht mehr ausreichen. Schulen stehen unter dem Druck, den Unterricht für die Mehrheit aufrechtzuerhalten und gleichzeitig einzelne Kinder mit massivem Förderbedarf zu betreuen. Suspendierungen dienen dabei oft dem Schutz der übrigen Schüler und des Lehrpersonals. Die neue Begleitung soll diesen Schritt abfedern, indem sie Betreuung, Kontrolle und Reintegration miteinander verbindet.

Ob das Modell flächendeckend greift, hängt jedoch von den verfügbaren Ressourcen ab. Zusätzliche psychosoziale Betreuung, externe Projekte und individuelle Förderung setzen Personal und Infrastruktur voraus, was derzeit nicht vorliegt. Ohne ausreichende Finanzierung droht die Suspendierungsbegleitung zu einem formalen Zusatz zu werden, der an den Ursachen wenig ändert.

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Was hinter den Zahlen steckt

Die Eskalation im Schulalltag fällt mit tiefgreifenden demographischen Veränderungen zusammen. Laut Factsheet des Österreichischen Integrationsfonds hatten 2024 bereits 29,6 Prozent der Jugendlichen unter 19 Jahren einen Migrationshintergrund. In Wien liegt der Anteil bei 54,2 Prozent. Von den rund 518.400 Jugendlichen in der Bundeshauptstadt ist etwa ein Drittel selbst im Ausland geboren, zwei Drittel gehören der zweiten Generation der Migranten an.

Diese Entwicklung wirkt sich besonders stark in den Volksschulen aus, wo Kinder mit sehr unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Voraussetzungen erstmals gemeinsam unterrichtet werden. Österreichweit hatten im Schuljahr 2023/24 bereits 26 Prozent der Schüler eine nicht-deutsche Umgangssprache, in Wien fast jeder zweite. Gerade im frühen Schulalter, in dem Sprache die Grundlage für Regeln, Konfliktlösung und Lernfortschritt bildet, verstärkt dies bestehende Spannungen.

Fehlende Deutschkenntnisse erschweren nicht nur den Unterricht, sondern erhöhen auch das Konfliktpotenzial. Missverständnisse, Frustration und soziale Ausgrenzung schlagen schneller in Aggression um, wenn pädagogische Unterstützung fehlt. Besonders sichtbar wird dies in sozial stark konzentrierten Bezirken. Im Stadtteil Wien Favoriten haben 72 Prozent der Schüler eine nicht-deutsche Umgangssprache, in Ottakring und Simmering jeweils 67 Prozent. Schulen werden dort zunehmend zu Brennpunkten gesellschaftlicher Integration.

Diese schulischen Entwicklungen stehen nicht isoliert da. Auch die insgesamt steigende Jugendkriminalität - nicht nur jene auf dem Schulfog - bildet den gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem Gewalt an Schulen zunimmt. Konflikte aus dem familiären Umfeld, aus sozialen Medien oder aus ethnisch geprägten Gruppen werden zunehmend in die Schulen hineingetragen. Suspendierungen markieren dabei häufig den Punkt, an dem pädagogische Mittel ausgeschöpft sind.

Die aktuellen Ankündigungen des Bildungsministeriums zielen darauf ab, diesen Punkt künftig früher abzufangen. Ob die Suspendierungsbegleitung dafür ausreicht, bleibt offen. Klar ist jedoch: Wenn bereits Hunderte Kinder im Grundschulalter suspendiert werden müssen, handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um ein strukturelles Problem, das sich mit punktuellen Maßnahmen allein kaum lösen lässt.