"Das ukrainische Volk begrüßt das vierte Weihnachtsfest unter den Bedingungen eines Krieges in vollem Umfang - dem größten in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg", kommentierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf seinem Social-Media-Kanal.
Sein russischer Amtskollege Wladimir Putin hatte Selenskys Vorschlag für einen weihnachtlichen Waffenstillstand Mitte Dezember runweg abgelehnt. Neben den Kämpfen an der Front kam es entsprechend auch an den Weihnachtsfeiertagen zu verstärkten Drohnen- und Raketenangriffen auf das ukrainische Hinterland - sowohl auf Städte als auch auf die Energieinfrastruktur.

Auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hatte Putin vor Weihnachten erfolglos aufgefordert, die Kämpfe in der Ukraine über Weihnachten einzustellen. "Vielleicht hat die russische Führung noch einen Funken menschlichen Anstands und lässt die Bevölkerung wenigstens für ein paar Tage über Weihnachten von diesem Terror in Ruhe", formulierte Merz damals am Abend des 15. Dezember bei einer Pressekonferenz mit Selenskyj in Berlin.
Der russische Präsidentensprecher Dmitri Peskow erklärte hingegen, ein weihnachtlicher Waffenstillstand komme nicht in Frage, da der Kreml "Frieden und keinen Waffenstillstand" wolle.
2024 hatten die Ukrainer abgelehnt
Auch vor einem Jahr hatte es bereits Kämpfe an Weihnachten gegeben. Am 17. Dezember 2024 schrieb damals der ungarische Außenminister Péter Szíjártó in den sozialen Medien, dass das bevorstehende Weihnachtsfest eine hervorragende Gelegenheit wäre, einen Waffenstillstand zu schließen, der Menschenleben retten würde.
"Wir bedauern, dass die Ukraine und die ukrainische Führung trotz der Bemühungen der ungarischen Friedensmission diese Möglichkeit eines Waffenstillstands, die immer noch auf dem Tisch liegt, vorerst abgelehnt haben", so der ungarische Diplomat im vergangenen Jahr.
Kiew bestritt jedoch damals, jemals mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán über einen Waffenstillstand zu Weihnachten oder einen Gefangenenaustausch mit Russland verhandelt zu haben.

Kurz vor dem orthodoxen Weihnachtsfest 2023 rief das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Kirill, der die russischen Invasionstruppen segnete, zu einem Waffenstillstand entlang der gesamten russisch-ukrainischen Front auf. Aber auch Kiew lehnte den Vorschlag damals ab und nannte ihn eine Falle.
Waffenruhen nutzen der schwächeren Kriegspartei
In der Tat ist ein Waffenstillstand, ob zu Weihnachten oder auch sonst, immer eher für jene Seite von Vorteil, die sich in einem Konflikt gerade in der schwächeren Position befindet. Peskow zufolge hätte ein Waffenstillstand Ende 2025 der Ukraine eine dringend benötigte Atempause verschaffen, was aus Sicht des Kremls nicht vorteilhaft wäre.
Ende Dezember 2025 erklärte Selenskyj überraschend, er sei bereit, die Bürger durch ein Referendum über die territorialen Anforderungen des Friedensplans entscheiden zu lassen. Im Gegenzug werde er jedoch eine mindestens zweimonatige Waffenruhe fordern.
Die Idee eines vorübergehenden Waffenstillstands wurde jedoch weder von Putin noch von US-Präsident Donald Trump unterstützt. Auch einzelne russische Truppen haben die Option eines Waffenstillstands scharf kritisiert.
"In 60 Tagen werden sie [die Ukrainer, Anm. d. Red.] es schaffen, neue Verteidigungslinien zu bauen, die Truppen auszuruhen, aufzufüllen und problemlos in neue Richtungen zu verlegen, die Stellungen und die Widerstandsfähigkeit der Verteidigung der Einheiten zu verbessern, die keine Rotation durchlaufen haben", resümierte eine bekannte russische Einheit in dem sozialen Netzwerk.
Nach der derzeitigen Stimmung im ukrainischen Volk wäre das Referendum wahrscheinlich gültig, aber wahrscheeinlich sinnos, die Kämpfe würden ohnehin wieder aufflammen - nur zu für Kiew günstigeren Bedingungen als vor der Waffenruhe. Die russische Seite ist sich dessen bewusst und wird, nachdem sie die strategische Initiative ergriffen hat, die Ukrainer nicht vom Haken lassen.
Ein legendärer Weihnachtsfrieden mit Schnaps und Gesang
Weihnachtsfrieden auf dem Schlachtfeld hat keine echten Vorbilder, nicht einmal während des Zweiten Weltkriegs gab es offiziell einen. Der berühmteste und bis heute legendäre Weihnachtsfrieden wurden einst von den deutschen, französischen und britischen Soldaten an der Westfront des Ersten Weltkriegs geschlossen. Geglückt ist dies aber wohl auch nur deswegen, weil sich die beteiligten Soldaten spontan vor Ort ohne Genehmigung ihrer Staaten dazu entschlossen und sogar gemeinsam mit dem Feind Schnaps tranken und Weihnachtslieder sangen, bevor die Kämpfe am nächsten Tag wieder aufgenommen wurden.
Im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg waren die Osterfeiertage 2025 in dieser Hinsicht ein Lichtblick. Unerwartet rief der russische Präsident am 19. April eine einseitige 30-stündige Waffenruhe aus, der sich die Ukraine anschloss. In der Praxis funktionierte jedoch auch dieser Waffenstillstand nicht, und beide Seiten berichteten über Verstöße.