In Weißrussland und Russland gibt es keine echte - parlamentarische oder außerparlamentarische - Opposition mehr, die legal tätig ist. Obwohl die Aktivitäten regierungskritischer Menschen in diesen Ländern schon seit langem nicht einfach waren, ist das vollständige Ende der Opposition erst vor relativ kurzer Zeit geingetreten.
In Russland gibt es seit dem Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 keine öffentlich aktive Opposition mehr, in Belarus seit den Protesten im Jahr 2020 - in beiden Ländern sind oppositionelle Personen und Organisationen in den Untergrund gegangen oder ausgewandert.
Sowohl die belarussische als auch die russische Opposition haben sich allmählich von dem anfänglichen Schock erholt. Heute bestehen beide Lager aus mehreren, mehr oder weniger etablierten Gruppierungen, die entweder dem zivilen oder dem bewaffneten Flügel angehören. Das Jahr 2025 war jedoch bei weitem nicht für alle Gruppen ein gutes Jahr.

Das Doppelkreuz gegen den roten Stern
Die weißrussische zivile Opposition hat kurz nach der Freilassung ihres Anführers Sjarhej Zichanouski Mitte 2025 einen gewissen Aufschwung erlebt, doch der Enthusiasmus verpuffte schnell nach seinen ersten Äußerungen. Das Sagen und die internationale Anerkennung liegen vorerst bei seiner Frau Swjatlana, die im Jahr 2020 nur seine Stellvertreterin war.
Ende November befragte die Statement-Redaktion eine Reihe von Belarussen, was sie von den aktuellen Entwicklungen in der Opposition halten. Der Grundtenor innerhalb der weißrussischen Bevölkerung war dabei, man helfe als Landsleute gerne den politischen Gefangenen, wenn sie wieder auf die Beine kommen müssen und nach der Amnestie mittellos sind, viele sind jedoch der Meinung, es sei sinnlos, Ressourcen für die zivile Opposition auszugeben.
Als Minsk am 13. Dezember dieses Jahres eine andere Gruppe politischer Gefangener freiließ, wollte die belarussische Diaspora 123.000 EUR an Spenden für sie sammeln - 1.000 EUR für jeden - und sammelte schließlich 214 000 EUR innerhalb eines Tages ein.
Zum Vergleich: Als der Oppositionsführer Zichanouski am 1. Juli die Belarussen um 200.000 Euro für den Kampf gegen das Regime bat, schickten sie ihm insgesamt nur etwa 1.000 Euro, die er schließlich für den Kauf von Kopfhörern und einer Uhr verwendete. Seine Frau ist sich offensichtlich der Stimmung der Belarussen bewusst und verzichtet auf Fundraising für den politischen Kampf.
Die belarussische Diaspora im Ausland pflegt ihre nationale Kultur, das Brauchtum, dessen zahlreiche Erscheinungsformen - die Nationalflagge, das Wappen, die Sprache - in der Heimat als extremistisch gebrandmarkt wurden.
Gleichzeitig unterstützt sie die diplomatischen Bemühungen der Bürgerrechtlerin und ehemaligeen Präsidentschaftskandidatin Swjatlana Zichanouskaja, die die Anerkennung der Belarussen in Polen erleichtert haben, wo die Volksgruppe und ihre Kultur - im Gegensatz zu den Russen oder Ukrainern - anerkannt und beliebt sind.
Der bewaffnete Flügel der belarussischen Opposition wird hauptsächlich durch das Belarussische Freiwilligenkorps (BDK) repräsentiert, das seit 2022 in enger Zusammenarbeit mit dem Russischen Freiwilligenkorps (RDK), dem Polnischen Freiwilligenkorps (PDK) und anderen Einheiten auf der ukrainischen Seite kämpft.
Das BDK verwendet wie die zivile Opposition die Symbolik des Doppelkreuzes aus dem alten Wappen des Landes, und obwohl sein oberstes Ziel der Sturz des derzeitigen belarussischen Regimes ist, wissen viele vom Statement kontaktierte Belarussen kaum mehr über das Freiwilligen-Korps zu berichten, als seinen Namen.
Wie Zichanouskaja wird auch der BDK von relativ wenigen Menschen in den sozialen Medien verfolgt, es fehlt ihm an nennenswerter internationaler Unterstützung, und da die zivile Opposition, die in den Medien durchaus Platz findet, fleißig bemüht ist, die militärische Opposition zu ignorieren, wird sich das wohl auch nicht so bald ändern.

Die Slowakei ist nicht verschont geblieben
Die russische Opposition mag zwar in mehr Gruppen zersplittert sein als die belarussische, aber letztlich hat sie eine größere Anziehungskraft, wie sich 2025 erneut zeigte. Obwohl weniger bedeutende Einheiten, die sich aus russischen Staatsbürgern zusammensetzen, wie das Sibirische Bataillon, das Bataillon "Freiheit für Russland" oder die karelische NORD-Gruppe, teilweise ins Abseits geraten sind, ist das russische Freiwilligenkorps insgesamt stärker geworden.
Wie bei den belarussischen Freiwilligenkorps versucht die zivile Opposition, den bewaffneten Flügel der Opposition möglichst nicht zu erwähnen, um ihn nicht als Konkurrenten darzustellen.
So steht die zivile Opposition im Rampenlicht der Medien und der Politik, und im Gegensatz zur bewaffneten Opposition hat sie die Zeit, an verschiedenen Diskussionen und Debatten, beispielsweise in Brüssel, teilzunehmen.
Während viele Europäer und Einwohner der Nachbarländer den belarussischen BDS gar nicht kennen, genießt die russische RDK in Mitteleuropa offene Unterstützung, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Kanäle in mehreren sozialen Netzwerken haben sowohl Geld- als auch Sachspenden für die RDK im Jahr 2025 angekündigt. So haben Slowaken und Tschechen über verschiedene Initiativen Summen über mehrere hundert bis tausend Euro direkt an RDK geschickt.
Und nach dem fingierten Tod des RDK-Gründers und Kommandeurs Denis "White Rex" Nikitin organisierten slowakische und tschechische Nationalisten in Brünn die größte Gedenkveranstaltung Europas, wenn nicht gar der Welt, zu seinen Ehren.
Das Jahr 2025 bedeutete für die RDK auch eine militärische Verstärkung: Das Korps verfügt bereits über ein eigenes Drohnenkommando, schwere Artillerie, ein Landungsboot und seit Oktober auch über eine eigene Panzereinheit innerhalb des ukrainischen Militärs.
Gleichzeitig nahmen Vertreter des RDK an zwei Veranstaltungen teil, die von der zivilen Opposition im Jahr 2025 organisiert wurden: Dem Antikriegskomitee Russlands (AKR) in Brüssel und am öffentlichen Empfangsbüro von Ilja Jaschin in Berlin.
Aber auch die zivile Opposition Russlands bleibt nicht außen vor. Der vielleicht größte und aufsehenerregendste Auftritt zum Ende des Jahres 2025 wurde vermutlich zugusten der belarussischen Opposition von der Ehefrau des bekanntesten Oppositionellen dieser Zeit hingelegt.
Julia Nawalny, die Witwe von Alexej Nawalny, leitet heute die Plattform der Zukunft Russlands (PRB), deren Namen sich auf den von Nawalny populär gemachten Ausdruck "Schönes Russland der Zukunft" bezieht. Ende November wurde Julia Nawalny auf der Prager Burg von dem tschechischen Präsidenten Petr Pavel empfangen.
Auch der von Alexej Nawalny einst gegründete Anti-Korruptions-Fonds ACF International arbeitet eng mit dem PRB zusammen, und nutzt gerne das Gesicht und den Namen von Julia Nawalny für die eigene Öffentlichkeitsarbeit zum Beispiel in seinem monatlichen Tätigkeitsbericht, obwohl die Institution eine eigene Leitung hat. Das letzte größere Untersuchungsbericht dieser Organisaton war eine Analyse der Aktivitäten und des Vermögens von Nikita Michalkow, dem bekannten russischen Filmregisseur und Propagandisten.
Die Oppositionellen Jaschin und Wladimir Kara-Murza, die 2024 aus der russischen Haft entlassen und ins Ausland abgeschoben wurden, haben ihre eigenen politischen Aktivitäten, arbeiten aber auch mit dem PRB zusammen, der mehr Anhänger hat als die beiden Politiker zusammen. Kara-Murza hat sich bislang noch keiner anderen Gruppierung angeschlossen.
Im Jahr 2025 fanden mehrere Foren - de facto Kongresse - des PRB statt. Eine ausgewählte Gruppe von zehn russischen Universitätsstudenten, die außerhalb Russlands studieren, wurde zu zwei dieser Foren eingeladen. Die Statement-Redaktion nahm damals Kontakt zu dem Studenten auf, der an dem Forum vom 14. bis 16. November in Vilnius, Litauen, teilnahm.
"Wir arbeiteten mit Jaschin, Nawalny, Ermittlern der FBK sowie mit Wirtschaftsexperten wie Sergej Guriew und Jekaterina Schurawskaja zusammen. Wenige Tage nach dem Forum wurden wir in den staatlichen Sendern Russlands als Terroristen dargestellt, während die Taliban vom Kreml von der Liste der terroristischen Organisationen gestrichen wurden ", berichtete einer der Student gegenüber der Redaktion.
Ende November kündigte Julia Nawalny an, dass sie einen eigenen Verlag gründen werde. "Einige Autoren haben Russland verlassen, einige sind verboten, viele Bücher sind aufgrund von Zensur oder Selbstzensur vergriffen", so die russische Politikerin auf der PRB-Website. Der in Litauen ansässige Verlag veröffentlicht auch Bücher von nicht-russischen Autoren.
Alle oben genannten wichtigen militärischen, politischen und politiknahen Organisationen sind in Belarus und Russland verboten und werden als terroristisch oder extremistisch eingestuft. Wer sie unterstützt, riskiert eine mehrjährige Haftstrafe.