„Austria First“: Ist das neue Radio der FPÖ auf der richtigen Frequenz?

Die FPÖ startet mit „Austria First“ ein eigenes Online-Radio. Das Projekt orientiert sich an US-Vorbildern. Doch Österreich ist nicht Amerika. Eine nüchterne Analyse über Zielgruppen, Reichweite und Erfolgsaussicht.

Verkündete den Start des neuen Radiosenders höchstpersönlich: FPÖ-Chef Herbert Kickl. Foto:  Christian Bruna/Getty Images

Verkündete den Start des neuen Radiosenders höchstpersönlich: FPÖ-Chef Herbert Kickl. Foto: Christian Bruna/Getty Images

Wien. Mit „Austria First“ bringt die FPÖ ab dem 17. Januar ein eigenes Radioprojekt an den Start. Initiator ist FPÖ-Chef Herbert Kickl. Gesendet wird ausschließlich online, abrufbar über Website und App, nicht über klassische UKW-Frequenzen. Inhaltlich setzt der Sender auf Musik, moderierte Sendestrecken und stündliche Nachrichten. Verbunden mit dem Anspruch, „echte Nachrichten statt linker Meinungsmache“ zu liefern, wie ein Sprecher der Partei gegenüber Statement erklärt.

Allein dieser Vertriebsweg markiert die erste klare Grenze des Projekts. Wer „Austria First“ hören will, muss aktiv danach suchen. Es gibt kein beiläufiges Einschalten im Auto, kein zufälliges Hineinzappen am Küchenradio, keine automatische Reichweite. Online-Radio ist ein Pull-Medium, kein Push-Medium. Reichweite entsteht nur dort, wo bereits Interesse vorhanden ist.

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Wer nutzt in Österreich Online-Radio?

Der österreichische Radiomarkt ist stark geprägt. Die größte Reichweite entfällt weiterhin auf klassische UKW-Sender, allen voran den ORF und einige große Privatradios. Radio wird in Österreich nach wie vor überwiegend linear genutzt: im Auto, am Arbeitsplatz oder als Hintergrundmedium im Alltag. Diese Nutzungsmuster begünstigen etablierte Programme mit klaren Routinen und hoher Wiedererkennbarkeit, nicht jedoch neue, aktiv anzusteuernde Angebote.

Reines Online-Radio spielt in diesem Umfeld bislang eine untergeordnete Rolle. Zwar ist die technische Voraussetzung – Smartphone, mobiles Internet, Apps – längst gegeben, doch die tatsächliche Nutzung bleibt selektiv. Online-Radio wird nicht nebenbei konsumiert, sondern bewusst ausgewählt. Genau darin unterscheidet es sich fundamental vom klassischen Radio.

Genutzt wird Online-Radio vor allem von drei Gruppen. Erstens von technikaffinen, meist jüngeren Nutzern, die ohnehin Podcasts, Streamingdienste und personalisierte Medienangebote konsumieren. Für sie ist lineares Radio insgesamt weniger relevant. Online-Radio konkurriert hier direkt mit Spotify, YouTube oder On-Demand-Formaten.

Zweitens von politisch hochmotivierten Nutzern mit klarer Themenbindung, die gezielt nach bestätigenden Inhalten suchen. Drittens von einer kleinen, aber stabilen Gruppe von Vielhörern, die Nischenangebote bewusst in ihren Medienalltag integrieren.

Was fehlt, ist die breite, beiläufige Nutzung. Online-Radio wird selten „einfach eingeschaltet“. Für ein Parteiradio bedeutet das: Die potenzielle Hörerschaft ist von Beginn an begrenzt und stark vorselektiert. Reichweite entsteht nicht durch Zufall, sondern ausschließlich durch politische Identifikation oder gezielte Mobilisierung.

Reichweite ist nicht gleich Nutzung

Kickl verweist auf die Reichweite des parteieigenen Senders FPÖ-TV, das laut Partei über alle Kanäle hinweg mehr als 2,4 Millionen Menschen erreicht. Diese Zahl ist nicht zwingend falsch, sagt aber wenig über tatsächliche Nutzung aus. Reichweite in sozialen Medien meint in der Regel Sichtkontakte, nicht regelmäßigen oder intensiven Konsum. Ein einzelner Clip, der im Feed auftaucht, zählt statistisch ebenso wie ein mehrminütiger Abruf.

Radio ist hingegen ein Zeitmedium. Es verlangt Aufmerksamkeit über Minuten oder Stunden und bindet den Hörer stärker als kurze Video- oder Textformate. Wer ein Parteiradio hört, trifft daher eine bewusste, aktive Entscheidung. Diese Hürde ist deutlich höher als bei Social Media, wo Inhalte oft beiläufig konsumiert werden.

Gerade deshalb lassen sich Reichweitenlogiken aus sozialen Netzwerken nur begrenzt auf Radio übertragen. Hohe digitale Sichtbarkeit garantiert keine stabile Hörerschaft. Im Gegenteil: Wie viele digitale Sichtkontakte sich tatsächlich in regelmäßige Hörminuten übersetzen lassen, ist empirisch kaum erforscht. Belastbare, öffentlich zugängliche Daten zur Konversion von Klicks in nachhaltige Nutzung liegen für den österreichischen Markt nicht vor.

Das Radio ist in Österreich nicht die Hauptquelle für Nachrichten. Quelle: Digital News Report 2025

Der Blick in die USA

Der internationale Referenzpunkt des Senders ist allein schon sprachlich durch den Namen "Austria First" klar: die USA. Dort existiert seit Jahrzehnten ein professionelles konservatives Talk-Radio-Ökosystem. Formate und Persönlichkeiten wie Rush Limbaugh, Sean Hannity oder Fox News Radio stehen für politische Massenunterhaltung mit enormer Reichweite. Ideologisch ist dieses Modell eng mit der „America First“-Rhetorik von Donald Trump verbunden.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Struktur. In den USA basiert Talk Radio auf terrestrischen Frequenzen, langen Pendelstrecken, einer ausgeprägten Autofahrer-Kultur und einem riesigen Binnenmarkt. Konservatives Talk Radio ist dort Teil des Alltags. Es erreicht Menschen nicht, weil sie politisch suchen, sondern weil es jederzeit verfügbar ist. Dieses Fundament fehlt in Österreich vollständig.

Der heimische Markt kennt kaum erfolgreiche politische Radiosendungen, schon gar nicht im Dauerbetrieb. Politische Inhalte wandern hier eher in Podcasts, Videos oder soziale Netzwerke. Das Radio bleibt überwiegend Begleitmedium: Musik, Verkehr, Wetter, kurze Nachrichten.

Ein parteigebundener 24-Stunden-Sender mit stündlichen Nachrichten ist daher weniger ein klassisches Medienprodukt als ein strategisches Kommunikationsinstrument. Er ersetzt Pressekonferenzen, verlängert Social-Media-Botschaften und schafft ein geschlossenes narratives Umfeld für die eigene Anhängerschaft.

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Erfolg ja – aber begrenzt

Ob „Austria First“ ein Erfolg wird, hängt von der Definition ab. Wirtschaftlich im Sinne eines klassischen Radiosenders vermutlich nicht. Reichweitenmäßig im Vergleich zu UKW-Radios ebenfalls nicht. Politisch und organisatorisch hingegen durchaus.

Das Projekt stärkt die Bindung der eigenen Unterstützer, professionalisiert die parteieigene Kommunikation und folgt einer internationalen Entwicklung, in der Parteien ihre Medien zunehmend selbst betreiben. Als Machtinstrument nach innen ist das konsequent. Als Medienangebot für die breite Öffentlichkeit bleibt es ein Nischenprodukt.

Kurz gesagt: Einen Massenmarkt gibt es dafür in Österreich nicht. Einen klaren politischen Zweck hingegen sehr wohl.