Das iranische Regime kämpft möglicherweise um sein Überleben - Die Proteste reißen nicht ab

Inflation oder die anhaltende Herrschaft der Ayatollahs? Die Proteste im Iran haben sich deutlich ausgeweitet, an Intensität gewonnen. Die ursprüngliche Ursache ist nicht mehr so relevant wie die Frage, wohin die Proteste führen werden.

Ein Protestant mit der Flagge des Iranischen Kaiserreichs. Foto: Drew Angerer/Getty Images

Ein Protestant mit der Flagge des Iranischen Kaiserreichs. Foto: Drew Angerer/Getty Images

Die Demonstrationen, die bereits am 28. Dezember in Teheran begannen, breiteten sich inzwischen auf alle 31 iranischen Provinzen aus, haben jedoch laut Reuters noch nicht das Ausmaß der Unruhen von 2022 bis 2023 erreicht, die damals durch den Tod der jungen Frau Mahsa Amíníová ausgelöst worden waren, die drei Tage nach ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei wegen unsachgemäßem Tragen des Hidschabs starb an den Folgen von Misshandlungen in der Haft verstarb.

Grund für die Proteste ist der starke wirtschaftliche Niedergang des Iran: Anfang 2026 lag der Wechselkurs für einen Dollar deutlich über 1,4 Millionen Rial, während er vor der islamischen Revolution 1979 bei etwa 70 Rial lag. Im Gegensatz zu den Protesten vor drei Jahren, wo auch sehr viele Frauen auf die Straße gingen, sind die meisten Demonstranten diesmal junge Männer.

Quelle: X

Die Demonstrationen nehmen an Fahrt auf

Die amerikanische Organisation Human Rights Activists News Agency (HRANA) gab an, dass während der Unruhen mindestens 34 Demonstranten und vier Angehörige der Sicherheitskräfte ums Leben gekommen sind und 2.200 Menschen festgenommen wurden. Die Zahl der Opfer steigt jedoch weiter an. Die Nachrichtenlage ist unsicher, der Iran versucht Berichte aus dem Land auch über das Internet udn Social Media zu verhindern. Am 8. Dezember haben Demonstranten in der Stadt Maschhad die Flagge der Islamischen Republik heruntergerissen und angezündet.

Am selben Tag kam es in Iran auch zu einem landesweiten Internetausfall, der laut der Überwachungsgruppe NetBlocks bis heute noch andauerte. Der Ausfall erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Proteste von Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten iranischen Schahs, der während der Islamischen Revolution 1979 gestürzt worden war, unterstützt wurden.

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Auch andere Staaten wie China, Simbabwe, Kamerun, Togo und Russland griffen in der Vergangenheit während regimekritischer Demonstrationen zu ähnlichen Maßnahmen. Dank des zumindest teilweisen Ausfalls des Internets breiten sich die Proteste langsamer aus, und es kursieren nur wenige Videos oder Fotos, die die Gewalt seitens der Sicherheitskräfte des Regimes dokumentieren.

Die Behörden behaupten, dass die Proteste gegen den wirtschaftlichen Niedergang legitim seien und im Dialog gelöst werden sollten, doch gleichzeitig wurden einige Demonstrationen mit Tränengas bekämpft.

Am Morgen des 9. Januar berichteten die staatlichen Medien im Iran zum ersten Mal seit zwei Wochen über die Proteste und behaupteten, die Gewalt während dieser Proteste seien von „terroristischen Agenten” der Vereinigten Staaten und Israels ausgelöst worden. Das Fernsehen berichtete, dass „Demonstranten private Autos, Motorräder, öffentliche Einrichtungen wie U-Bahnen, Feuerwehrautos und Busse in Brand gesteckt haben”.

In Brand gestecktes Verwaltungsgebäude in der Stadt Gorgan. Video: PHILANTHROPIC DIVISION (MD)/Telegram

Generationswechsel

Ein ehemaliger hochrangiger Vertreter des reformorientierten Flügels des Regimes erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass die grundlegenden ideologischen Säulen der Islamischen Republik – von der Kleiderordnung bis zur Außenpolitik – Menschen unter 30 Jahren, die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, nicht mehr ansprächen.

Neben jungen Menschen und Frauen, die seit langem die Säkularisierung des Staates fordern, werden die regimekritischen Demonstrationen auch von persischen Ethnonationalisten, Monarchisten und der Linken unterstützt.

Die Verschleierung der Frauen mit einem Hidschab, was nach Amínis Tod damals einer der Hauptauslöser der Proteste war, wird heute im Iran nicht mehr vollständig durchgesetzt. Viele Iranerinnen weigern sich offen, ihn in der Öffentlichkeit zu tragen, und wenden sich damit von einer Tradition ab, die die Islamische Republik lange Zeit geprägt hat.

Während der aktuellen Proteste äußern viele Demonstranten ihre Wut über die Unterstützung militanter Gruppen in der Region durch Teheran und skandieren Slogans wie „Nicht Gaza, nicht Libanon, mein Leben für den Iran“, womit sie ihre Frustration über die Prioritäten des Regimes zum Ausdruck bringen.

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Der Ausweg ist unklar

Alex Vatanka, Direktor des Iran-Programms am Middle East Institute in Washington, erklärte gegenüber Reuters, dass das iranische Klerikalsystem dank Repressionen und taktischen Zugeständnissen wiederholte Protestwellen überstanden habe, diese Strategie jedoch an ihre Grenzen stoße.

„Eine Veränderung scheint heute unvermeidlich; ein Zusammenbruch des Regimes ist möglich, aber nicht garantiert“, sagte er. In anderen Ländern der Region, wie Syrien, Libyen oder Irak, sind langjährige Führer erst nach einer Kombination aus Protesten und militärischen Interventionen gestürzt worden.

US-Präsident Donald Trump erklärte, er könnte den iranischen Demonstranten zu Hilfe kommen, wenn die Sicherheitskräfte Schusswaffen gegen sie einsetzen würden. Damit könnte die kürzliche Verlegung von US-Truppen nach Großbritannien zusammenhängen.

„Wir sind bereit und in voller Alarmbereitschaft“, schrieb er am 2. Januar ohne weitere Erklärung, sieben Monate nachdem israelische und amerikanische Streitkräfte während eines 12-tägigen Krieges iranische Nuklearanlagen mit Bombem unschädlich gemacht hatten.

Der oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei, der sich einem der kritischsten Momente seiner langjährigen Herrschaft gegenübersieht, reagierte mit der Erklärung, dass der Iran „dem Feind nicht nachgeben“ werde.

Er beschuldigte die Demonstranten, im Namen Trumps zu handeln, da sie öffentliches Eigentum angreifen, und erklärte, Teheran werde keine Menschen tolerieren, die als „Söldner für Ausländer, Vandalen und Saboteure“ agierten.