Berlin. In einer Zeit, in der die Schlagzeilen fast täglich von Zuwanderung und Integrationsdebatten handeln, zeigt eine neue Studie: 21 Prozent der Menschen in Deutschland denken darüber nach, das Land zu verlassen - das wären 18,7 Millionen Personen.
Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) hat in seiner jüngsten Kurzstudie „Auswanderung im Fokus“ zwischen Sommer 2024 und Sommer 2025 mehr als 2.900 Personen insgesamt fünf Mal befragt. Das Ergebnis: Im Schnitt 21 Prozent der Bevölkerung können sich vorstellen, Deutschland längerfristig oder dauerhaft den Rücken zu kehren. Das ist kein spontaner Ausreißer, sondern ein stabiles Muster über den Zeitraum eines Jahres.
Ein Muster mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Die größte Bereitschaft zum Aufbruch findet sich nicht bei der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte (hier liegen die Werte bei 17 Prozent), sondern bei Menschen, die selbst in Deutschland zugewandert sind oder deren Eltern eingewandert sind. Unter den selbst Zugewanderten erwägen 34 Prozent einen Wegzug, bei der in Deutschland geborenen zweiten Generation sogar 37 Prozent. Besonders ausgeprägt ist diese Haltung bei Menschen mit familiären Wurzeln in der Türkei oder der MENA-Region (Naher Osten und Nordafrika): Hier geben 39 Prozent an, dass Auswandern für sie denkbar ist. Es folgen Personen mit Hintergrund in der ehemaligen Sowjetunion (31 Prozent) sowie in anderen EU-Ländern (28 Prozent).
Hauptgrund: Woanders schöner leben
Was treibt diese Gedanken an? Über alle Gruppen hinweg steht ein Motiv klar an erster Stelle: die Hoffnung auf ein besseres, leichteres, vielleicht auch schöneres Leben anderswo. Mindestens die Hälfte aller Befragten nennt diesen Punkt.
Doch je nach Herkunft kommen sehr unterschiedliche Schattierungen hinzu. Wer selbst eingewandert ist oder ein Kind eingewanderter Eltern ist, berichtet deutlich häufiger von Diskriminierungserfahrungen als Grund für den Gedanken an das Auswandern – das wären 18 (1. Generation Einwanderer) beziehungsweise 24 Prozent (2. Generation Einwanderer).
Bei Menschen ohne Migrationshintergrund sinkt dieser Wert auf lediglich fünf Prozent, das wären aber auch noch mehr als 4,4 Millionen Personen.
Besonders deutlich wird das Gefühl der Benachteiligung bei Befragten mit türkischem oder nahost-nordafrikanischem Hintergrund: Jeder Vierte nennt Diskriminierung als einen der Auslöser.
Finanzielle Motive wiederum spielen vor allem bei Menschen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion eine große Rolle (48 Prozent), sind aber auch bei der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte relevant (31 Prozent).
Vor der Wahl wollten mehr Menschen auswandern
Ein spannender Nebenbefund: Kurz vor der Bundestagswahl im Februar 2025, als das Thema Migration aber auch Abschiebungen in der deutschen Medienlandschaft eine starke Wahrnehmung hatte, schnellten die Auswanderungsgedanken unter den Eingewanderten und ihren Nachkommen um etwa zehn Prozentpunkte in die Höhe – ein deutliches Zeichen, wie stark politische Stimmungen und migrationspolitische Rhetorik das Lebensgefühl beeinflussen können.
Trotz all dieser Zahlen bleibt die tatsächliche Auswanderung aber vorerst ein Randphänomen: Nur etwa zwei Prozent der Befragten hatten tatsächlich konkrete Pläne, innerhalb eines Jahres das Land wirklich zu verlassen. Der Rest bleibt bei der vagen, aber hartnäckigen Vorstellung: Woanders könnte es besser sein.
Die DeZIM-Studie liegt damit über den Werten früherer Erhebungen, etwa dem sozio-ökonomischen Panel von 2019 (damals 13 Prozent im Durchschnitt) oder einer IAB-Untersuchung von Anfang 2025 (26 Prozent unter Eingewanderten). Sie zeigt: Deutschland ist nicht nur Einwanderungsland, es ist auch ein Land, aus dem sich Menschen – teils sehr bewusst – wegdenken.
Studien-Co-Autor Fabio Best formuliert das so: „Um Menschen langfristig zu halten, reicht es nicht, über Arbeitsplätze oder Aufenthaltsrechte zu reden. Es geht um das gesamte Lebensumfeld. Und darum, dass sich niemand dauerhaft als zweitklassig wahrgenommen fühlt.“
In Zeiten des Fachkräftemangels und einer immer älter werdenden Gesellschaft könnte genau diese Abwanderungsbereitschaft eines der unterschätzten Risiken der nächsten Jahre werden. Die vollständige Studie auf der Website des DeZIM-Instituts: FA-6470.pdf