2-1-0: Die Prophezeiung des Kanzlers - dazu die Bilanz

Die Prognose des Kanzlers auf dem Prüfstand: Österreich werde bereits zum Jahreswechsel einen Wirtschaftsaufschwung erleben, die Inflation deutlich sinken - was ist davon tatsächlich eingetroffen?

Christian Stocker (ÖVP); Foto: Rusmin Radic/Anadolu via Getty Images

Christian Stocker (ÖVP); Foto: Rusmin Radic/Anadolu via Getty Images

Wien. - Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat im August 2025 klar umrissene Zielmarken genannt: Die Inflation soll zu Beginn des Jahres 2026 bei zwei Prozent liegen, das Wirtschaftswachstum Österreichs bei etwa einem Prozent, und er versprach Nulltoleranz gegen Extremismus - die mittlerweile berühmte "Stocker-Formel" 2-1-0.

Ein Blick auf die jüngsten Wirtschaftsindikatoren zeigt: Die beiden Versprechen wurden wohl verfehlt. Und der Kanzler hat zu diesem politischen Misserfolg noch kein Wort verloren.

Die vorläufige Schnellschätzung von Statistik Austria weist die Inflationsrate für Dezember 2025 mit 3,8 Prozent aus. Damit lag die Teuerung am Jahresende fast doppelt so hoch wie Stockers prophezeite Marke von 2 Prozent und blieb über lange Strecken des Jahres hartnäckig höher. Die Statistiker meldeten zudem, dass sich besonders der Preisdruck auf Energie gegen Jahresende wieder verstärkt habe.

Eine Verringerung der Inflationsrate unter 2,2 Prozent sei auch im Januar unwahrscheinlich, obwohl dieser Monatswert mit dem aus dem Jahr 2025 verglichen wird - also mit dem Zeitpunkt, als die damalige Bundesregierung die Inflations-Bremsen gestrichen und somit für eine Rekord-Inflation gesorgt hat. Selbst wenn im Januar die Inflationsrate bei 2 Prozent liegen würde, wäre dies ein Plus zur Rekord-Teuerung im Januar 2025.

Zur Erinnerung: Zum Jahreswechsel 2024/2025 wurden die Strompreisbremse und die Gebührenbremse von der Bundesregierung aufgelassen. Deshalb sinkt die Inflation nun im Januar 2026, weil die Preise schon vor einem Jahr extrem angestiegen sind - und nicht aufgrund von politischen Maßnahmen der Regierungskoalition. Das nenne sich "Basiseffekt", das sei logisch und erwartbar, kritisieren Oppositionspolitiker.

Diese alarmierende Entwicklung bei der Teuerung torpediert Kaufkraft und Konsum, also zentrale Triebfedern für eine nachhaltige Wachstumsdynamik.

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Wirtschaftswachstum? Erst später

Auch beim Wachstum enttäuschte die Regierungs-Prognose: Während Stocker zumindest ein Prozent Wachstum zum Jahreswechsel versprochen hat, signalisieren offizielle und unabhängige Einschätzungen einen schwächeren Verlauf.

Die österreichische Nationalbank sowie andere Institute sahen 2025 nur ein marginales Plus oder allenfalls das Vermeiden einer Rezession. So zitierte Reuters die Daten der Nationalbank, nach deren Expertise Österreichs Wirtschaft nur um 0,2 Prozent gewachsen sei, also klar unter Stockers Ziel.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei laut den Wirtschaftsforschern von Wifo im Jahr 2025 real um 0,5 Prozent gewachsen, erst heuer, 2026, sei eine Steigerung um 1,2 oder aber nur 1,0 Prozent möglich. Getragen ist der minimale Aufschwung vom privaten und öffentlichen Konsum sowie von einer überraschenden Erholung der Ausrüstungsinvestitionen.

Verfügbare Haushaltseinkommen sanken sogar um 0,9 Prozent

Vom Konsum der privaten Haushalte erwarten beide Institute keinen Turbo für Österreichs Wirtschaft. Die weiterhin hohe Inflation und die niedrigen Lohnabschlüsse dämpfen die Einkommensentwicklung der privaten Haushalte. Deren verfügbare Einkommen sollen laut Wifo heuer real um 0,9 Prozent sinken und 2026 minimal um 0,1 Prozent steigen. 2024 betrug das Einkommensplus noch 4,4 Prozent. Die Konsumenten greifen nun wieder verstärkt auf ihre Rücklagen zurück. Die Wirtschaftsforscher des IHS erwarten, dass die Sparquote von 11,7 Prozent im Jahr 2024 bis 2027 auf 9,2 Prozent sinkt. 

Die erwiesene Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität wirft politische Fragen auf. Erstens: Waren Stockers Ziele realistische ökonomische Einschätzungen oder politisch motivierte Wunschwerte? Prognosen müssen mit transparenten Annahmen unterlegt werden - etwa zu Energiepreisen, globalen Lieferketten und der Wirkung externer Schocks (etwa US-Zöllen), die 2025 auf die europäische Wirtschaft wirkten. Zweitens: Welche umfassende Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um die Inflation gezielt zu dämpfen und das Wachstum zu stützen? Konkrete fiskal- oder strukturpolitische Schritte blieben in der öffentlichen Debatte oft diffus.

Für Verbraucher und Unternehmen hat die Wirtschaftsflaute handfeste Folgen: Realeinkommen leiden, Investitionspläne werden verschoben, die Unsicherheit steigt. Politisch kostet das Vertrauen. Wenn eine Regierung klare Zahlen nennt, müssen diese entweder erreicht oder transparent relativiert und mit glaubwürdigen Korrekturschritten begleitet werden. Beides ist im Fall Stocker bislang zu kurz gekommen.

Kanzler müsste seine Prophezeiung korrigieren

Bei den beiden Kernversprechen - zwei Prozent Inflation zu Jahresbeginn und ein Prozent Wachstum - geht die Bilanz zu Ungunsten des Bundeskanzlers aus. Die Inflationsrate war im Dezember deutlich höher, das Jahreswachstum blieb minimal. Stocker steht damit vor der Aufgabe, seine Wirtschaftspolitik zu präzisieren und nachzuweisen, wie er das Vertrauen der Bürger angesichts offener ökonomischer Realitäten zurückgewinnen will.

Vermutlich auch eine Folge der aktuellen Vertrauenskrise: Bereits 43 % der Österreicher sind laut einer aktuellen Umfrage von Unique Research für vorgezogene Neuwahlen.