Leipzig. Im Leipziger Szeneviertel Connewitz drohen am kommenden Samstag Ausschreitungen zweier linksextremer Gruppen: Gleich mehrere Demonstrationen sind angekündigt – die Linksradikalen haben gegensätzliche Positionen zum Nahostkonflikt.
Pro-israelische Antifa-Gruppen und pro-palästinensische Aktivisten aus dem Umfeld der sogenannten Migrantifa wollen in Leipzig zeitgleich auf die Straße gehen. Die Polizei rechnet mit erheblichen Spannungen und bereitet einen Großeinsatz mit mehr als 1.000 Beamten vor.
Nach Aussagen des sächsischen Verfassungsschutzes gegenüber der BILD hat sich die linksextreme Szene seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 tief gespalten. Verfassungsschutz-Sprecherin Patricia Vernhold sieht zwei Lager: ein antideutsches, pro-israelisches autonomes Spektrum auf der einen Seite und ein pro-palästinensisches, antiimperialistisches und dogmatisches Lager auf der anderen. Besonders in Leipzig entladen sich diese Gegensätze zunehmend in offenen Konflikten. Neben Sachbeschädigungen soll es zuletzt auch zu körperlichen Übergriffen gekommen sein. Anzeigen bleiben meist aus, nicht zuletzt wegen der gemeinsamen Ablehnung staatlicher Sicherheitsorgane.
Feier zur Freilassung der israelischen Geiseln attackiert
Connewitz gilt traditionell als Hochburg einer pro-israelisch positionierten Antifa. Größere Demonstrationen der palästinensischen Seite blieben dort bislang aus, stattdessen kam es zu kleineren Auseinandersetzungen. Im Oktober 2025 sollen Teilnehmer einer Feier zur Freilassung israelischer Geiseln mit Flaschenwürfen und Pfefferspray attackiert worden sein. Nun mobilisieren Gruppen wie „Handala“, das „Palästina Aktionsbündnis“ und „Anarchists for Palestine“ offen zu einer Demonstration in Connewitz, das sie als vermeintliche "rassistische No-Go-Area" bezeichnen.
Der Konflikt reicht bis in die Landespolitik. Zu den erklärten Zielen des Protests gehören das Kulturzentrum Conne Island sowie das Abgeordnetenbüro von Juliane Nagel. Die Linken-Politikerin kritisiert die Mobilisierung scharf und wirft den Initiatoren vor, Feindbilder zu konstruieren und solidarische Debatten unmöglich zu machen. Auch der Leipziger Landtagsabgeordnete Nam Duy Nguyen distanzierte sich von der Demonstration, nachdem sein Büro zuvor als Treffpunkt des Palästina-Aktionsbündnisses genutzt worden war.
Für zusätzliche Brisanz sorgt: Gegen den Palästina-Aufmarsch wurden nicht nur zwei Gegendemonstrationen mit teils überschneidenden Routen angemeldet, sondern die Behörden warnen auch davor, dass Rechtsextreme versuchen könnten, die Situation auszunutzen.
Parallel findet nur wenige Kilometer entfernt auch noch ein Bundesliga-Spiel von RB Leipzig gegen den FC Bayern München statt. Ein Zusammentreffen von Fans und Demonstranten gilt als besonders riskant. Polizeipräsident René Demmler kündigte für Samstag einen umfassenden Großeinsatz an.
Die verfeindeten Linksextremisten
Die Antifa ist bekanntermaßen kein einheitlicher Verband, sondern ein Sammelbegriff für sämtliche antifaschistische Gruppen, die sich historisch gegen Rechtsextremismus richten. Innerhalb der Antifa existieren jedoch unterschiedliche ideologische Strömungen, darunter das antideutsche Spektrum, das sich klar pro-israelisch positioniert und Antisemitismus als zentrales Problem sieht.
Die Migrantifa hingegen ist eine jüngere Strömung, die aus migrantischen und postmigrantischen Milieus hervorgegangen ist. Sie verbindet Antirassismus mit antiimperialistischer Kritik und solidarisiert sich häufig ausdrücklich mit dem Kampf militanter Palästinenser. Während die Antifa ihren Schwerpunkt traditionell auf den Kampf gegen Neonazis legt, versteht sich die Migrantifa stärker als Bewegung gegen strukturellen Rassismus, westliche Machtpolitik und Kolonialismus.
Genau diese unterschiedlichen Weltbilder der Linken prallen nun in Leipzig offen aufeinander.