Berlin/Wien. Je mehr die Religion nachlässt, jedenfalls die christliche, desto stärker rücken religionssoziologische Studien und Umfragen in den Fokus der kirchlichen Verantwortlichen. Man hofft, so zu verstehen, was geschieht, und den Niedergang angemessen verwalten zu können. Bekannt ist in Deutschland der Bertelmann Religionsmonitor. Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) ist ein Werkzeug der Evangelischen Landeskirchen, an dem sich bei der vergangenen Ausgabe, der KMU 6, erstmals auch die katholischen Bistümer in Deutschland beteiligt hatten. Eine größere öffentliche Resonanz erzielte im vergangenen Jahr der aus Deutschland stammende und in den Niederlanden lehrende Theologe Jan Loffeld mit seinem Buch „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“.
Allen diesen in großer Zahl entstehenden Studien und Büchern ist die Grundthese eines schwindenden Interesses am Glauben gemeinsam.
Neben die bislang bekannten Studien tritt nun eine neue Religionsstudie, erarbeitet von INSA Consulere, einem der führenden demoskopischen Institute Deutschlands, im Auftrag der Initiative „Neuer Anfang“ und der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost. Sie wurde in der vergangenen Woche in Rom vorgestellt. Der Neue Anfang ist eine freie Initiative von Katholiken, die aus einem Arbeitskreis für christliche Anthropologie hervorgegangen ist. Sie entstand in der Zeit des umstrittenen Synodalen Wegs in Deutschland als theologisch-philosophische Denkfabrik. Partner des Neuen Anfangs bei der Vorstellung der Studie waren neben der Tagespost auch die unabhängige Evangelische Nachrichtenagentur IDEA.
Unabhängige Studie von INSA
Die neue Untersuchung, die mit einem eigenen Profil neben bislang bekannte Untersuchungen wie die KMU 6 oder den Religionsmonitor tritt, bleibt nicht an der soziologischen Oberfläche. Sie erkundet verschiedene Milieus und geht in die Tiefe von Einstellungen und spirituellen Transformationen. Dabei versucht sie, die neuesten Entwicklungen in religiösen Fragen – ganz unabhängig von kirchlichen Strukturen – zu greifen. Diese zerbrechen nämlich weit schneller als gedacht. Alte Konventionen lösen sich auf. Die Kirchen sind auf dem Rückzug. Äußerlich erkennbar ist das an den Strukturreformen der Bistümer. Bei aller Unterschiedlichkeit ist ihnen eines immer gemeinsam: Die Seelsorgeräume, oft auch die Pfarreien, werden räumlich immer größer, umfassen aber gleichzeitig weniger Menschen. Das Erzbistum Paderborn reduziert von über 600 auf zirka 30 Pfarreien. In dem einst katholischen Musterbistum wird es im Jahr 2030 nur noch rund 100 Priester unter 70 Jahren geben. Überall ist zu sehen, wie die Kirche ihren Rückzug organisiert.
Mit dem Wegbrechen kirchlicher Strukturen wächst jedoch der Glaube an unerwarteten Stellen. Im Gegenzug zum amtskirchlich verwalteten Niedergang definieren sich jüngere Menschen zunehmend als gläubig. In Frankreich wurde im vergangenen Jahr eine bis dato nicht für möglich gehaltene Anzahl junger Erwachsener getauft. In anderen europäischen Ländern zeigen sich ähnliche Tendenzen. Die verfassten Kirchen sind von den Erweckungen überrascht und nicht darauf vorbereitet. Die neue INSA-Studie geht – bezogen auf Deutschland – den entscheidenden Fragen nach: Warum bewegen sich diese Menschen auf die Kirche zu? Was glauben sie? Was suchen sie? Was ist ihnen wichtig?
Nur die Hälfte der Getauften ist in der Kirche
INSA kommt dabei zu einigen erstaunlichen Ergebnissen, die sicher noch weiter analysiert werden müssen. „Die Zahl der Getauften in Deutschland beträgt 73 Prozent“, so Hermann Binkert, Geschäftsführer von INSA Consulere aus Erfurt. Erstaunlich an dieser Zahl ist, dass „sie etwa 50 Prozent höher ist als die Zahl derjenigen, die noch den öffentlich-rechtlichen Körperschaften, der katholischen Kirche (23,7 Prozent) und den evangelischen Landeskirchen (21,5 Prozent), angehören“, so Binkert. Viele unter den getauften Nicht-Kirchenmitgliedern seien nach wie vor gläubig oder zumindest offen für den Glauben, stellt der INSA-Geschäftsführer unter Bezug auf die Studie fest. „Dieser Trend setzt sich fort: In den nächsten zwei Jahren will jeder vierte deutsche Katholik aus der Kirche austreten.“ Mit Blick auf dieses Ergebnis sagt der Demoskop: „Mir ist wichtig, dass die katholische Kirche diese große Gruppe der getauften Nicht-Kirchenmitglieder in Deutschland (28 Prozent), die größte Gruppe überhaupt, in den Blick nimmt.“

Die Initiative Neuer Anfang hat sich als Denkfabrik das Ziel gesetzt, die Erkenntnisse möglichst genau zu analysieren. Die Vorstellung der Studie fand im Rahmen einer Pilgerreise der Initiative nach Rom statt. Während der Tage der Generalaudienz konnte die Studie auch bereits Papst Franziskus übergeben werden. Der Mitgründer der Initiative, der Theologe Martin Brüske, findet zwei Aspekte der Studie besonders spannend: “Erstens: Noch zuletzt hat der Religionssoziologe Jörg Stolz aus Lausanne die durch viele Beobachtungen gestützte These wiederholt: Jede Generation ist etwas weniger religiös als die Vorhergehende. Dieser scheinbar eiserne Trend ist in den neuen Daten durchbrochen. Das ist höchst aufregend. Zum Zweiten: Eine kirchenpolitisch motivierte Auswertung der letzten KMU suggerierte: Fast alle Katholiken wollen Reformen in der Art des Synodalen Wegs. Kritisch ist eine verschwindende Minderheit. Bei genauerer Nachfrage löst sich diese Suggestion auf, wie die neuen Daten zeigen.“ Bei genauerer Nachfrage zeigt sich, dass die Mehrheit der Katholiken den Synodalen Weg sehr kritisch sieht. Dabei handelt es sich um einen kirchenrechtlich problematischen Gesprächsprozess, den die Deutsche Bischofskonferenz seit 2019 gemeinsam mit den Kirchenfunktionären des sogenannten Zentralkomitees der Deutschen Katholiken geführt hat. „Auch dieses Ergebnis ist höchst bemerkenswert“, findet der Theologe.
Die Jungen sind offen für die Kirche
„Insbesondere die jüngere Altersgruppe ist gläubig und offen für die Kirche“, ergänzt Binkert. „Jeder Sechste (16 Prozent) unter 30-Jährige will eintreten. Sie und die vielen, die sich durch die Heilige Schrift und Tradition der Kirche angesprochen fühlen, das sind 55 Prozent, sollten nicht durch deutsche Sonderwege wie den sogenannten Synodalen Weg der Deutschen Bischofskonferenz abgeschreckt werden.“

Auch in Österreich lässt sich der Trend bestätigen, dass vor allem junge Menschen verstärkt auf Sinnsuche in der Religion sind. Laut aktueller Jugendwertestudie 2025 geben 23,7 Prozent aller jungen Menschen unter 30 an, der Glaube an Gott sei für sie eine wichtige Stütze und gebe ihrem Leben Halt. Bei den jungen Österreichern mit Migrationshintergrund liegt dieser Anteil sogar bei 37,6 Prozent.
Eine weitere interessante Zahl der Studie: Rund 65 Prozent der Katholiken sind gegen die Kirchensteuer. Sie wird in Deutschland als Annexsteuer zur Einkommensteuer von den Finanzverwaltungen erhoben und an die Kirche weitergeleitet. Die Kirchen in Deutschland sind als Körperschaften des öffentlichen Rechts (KdöR) befugt, Steuern zu erheben. Um diese Abgabe nicht zahlen zu müssen, muss man in Deutschland aus der Kirche, also aus der KdöR, austreten. Wer diesen Schritt vollzieht, wird kirchlich behandelt wie exkommuniziert, darf die Sakramente nicht mehr empfangen und ist aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Viele, die austreten, nennen die Kirchensteuer als Hauptgrund. Allein das ist ein starkes Argument gegen dieses Modell. In keinem anderen Land der Welt wird man wegen Geld kirchlich so sanktioniert wie in Deutschland. Auch das Kirchenrecht ist hier deutlich entspannter. Die Gläubigen sollen die Kirche im Rahmen ihrer Möglichkeiten bei der Erfüllung ihrer Aufgaben finanziell unterstützen – nicht mehr, aber auch nicht weniger und bei weitem nicht so konkret, wie es in Deutschland gehandhabt wird.
Ein klarer Auftrag
„Christen dürfen das Feld des Religiösen nicht den anderen überlassen", sagte Franziska Harter, Chefredakteurin der Tagespost, bei der Vorstellung der Studie. „Wenn in Deutschland jeder sechste junge Nicht-Christ und jeder siebte Muslim sich vorstellen kann, einer christlichen Kirche beizutreten, dann ist das ein klarer Auftrag.“ Als entscheidende Frage bezeichnete die Journalistin, ob es genug „hippe Missionare“ gebe, die bereit seien, dort von ihrem Glauben Zeugnis zu geben, wo Menschen auf der Suche sind. „Sind die christlichen Gemeinschaften überhaupt darauf vorbereitet, mit offenen Armen zu empfangen, wer an die Türe klopft?“, formulierte sie die entscheidende Frage, mit der sich zugleich auch die Berechtigung der vorliegenden Studie belegen lässt. Der Neue Anfang wird sie in einer intensiv kommentierten Version - voraussichtlich im ersten Halbjahr 2026 – als Buch herausgeben.