Der schwierige Schatz von Venezuela

Schwarzes Gold gilt als einer der Gründe für das amerikanische Interesse an Venezuela. Die großen Ölkonzerne mahnen jedoch zu Zurückhaltung und warnen vor überzogenen Erwartungen.

Öl im Fokus der Interessen. Foto: Tomáš Baršváry / Gemini / erstellt mit KI

Öl im Fokus der Interessen. Foto: Tomáš Baršváry / Gemini / erstellt mit KI

Die internationalen Machtverhältnisse befinden sich im Wandel, und das Handeln der USA spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Ereignisse in Venezuela sind Teil einer Entwicklung, in der etablierte politische Rollenbilder zunehmend infrage gestellt werden.

Die bisherige Weltordnung gerät dabei sichtbar unter Druck. Dass ausgerechnet jenes Land, das über Jahrzehnte den Anspruch erhob, als ordnende Kraft aufzutreten, seine Position erneut weit auslegt, verdeutlicht die Verschiebung. Zur Begründung verweist Washington auf den Vorwurf, der venezolanische Präsident habe den systematischen Schmuggel von Drogen in die Vereinigten Staaten unterstützt oder zumindest geduldet.

Kritiker wie Befürworter des Vorgehens von Donald Trump müssen sich in einem Punkt einig sein: Der amerikanische Präsident startete mit einem Paukenschlag ins neue Jahr. Die Operation in Venezuela verlief aus Sicht der USA reibungslos. Nicolás Maduro kam in amerikanischen Gewahrsam und wurde in die Vereinigten Staaten überstellt. Auf amerikanischer Seite gab es keine gemeldeten Verluste.

Bereits Monate vor dem Angriff auf Venezuela, als sich die Spannungen zunehmend verschärften, wurde in den Medien darüber spekuliert, ob der Verweis auf den Drogenhandel nicht lediglich als Vorwand diente, um politischen und strategischen Einfluss auf das Land zu gewinnen. Die Einschätzung reichte dabei von leiser Skepsis bis zu offener Kritik an der Stichhaltigkeit des Arguments.

Und damit rückte zunehmend das Öl in den Mittelpunkt der Debatte. Venezuela verfügt mit geschätzten 303 Milliarden Barrel über die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt, zudem reicht die Geschichte der Förderung viele Jahrzehnte zurück. Zwar ist die Produktion in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen, was auf eine Mischung aus politischer Fehlsteuerung, Investitionsmangel und internationalen Sanktionen zurückgeführt wird. Die grundlegende Infrastruktur des Landes ist jedoch weiterhin vorhanden.

Diese Lesart wird zusätzlich dadurch gestützt, dass Trump als Geschäftsmann gilt, der Politik stark durch das Prisma von Verhandlungen und Vorteilen interpretiert. Sein erklärtes Ziel ist es, Vereinbarungen zu treffen, von denen die Vereinigten Staaten profitieren. Darauf verweisen sowohl seine Rhetorik als auch erste Schritte nach der Festnahme von Nicolás Maduro, darunter das Treffen mit den Chefs großer Ölgesellschaften sowie öffentliche Überlegungen zur Sicherung erheblicher Mengen venezolanischen Rohöls.

Das schwarze Gold Venezuelas wirft jedoch eine Vielzahl offener Fragen auf.

„Nicht investierbares” Projekt

Donald Trumps Vorstellung erscheint auf den ersten Blick einfach. Selbst ohne einen grundlegenden politischen Wandel in Venezuela setzt er auf ein neues Gesicht an der Spitze, das zu pragmatischeren Beziehungen mit den Vereinigten Staaten bereit sein soll. Washington kalkuliert damit, dass eine Mischung aus Druck und wirtschaftlichen Anreizen ausreichen könnte, um Delcy Rodríguez zu Zugeständnissen zu bewegen und den Zugang für gemeinsame Geschäfte zu öffnen, insbesondere für amerikanische Ölgesellschaften.

Von diesen Unternehmen erwartet Donald Trump umfangreiche Investitionen in die venezolanische Ölinfrastruktur. Ziel ist es, die Förderkapazitäten wieder deutlich zu erhöhen und an frühere Produktionsniveaus anzuknüpfen. Derzeit liegt die tägliche Förderung bei rund einer Million Barrel, was etwa einem Prozent des weltweiten Angebots entspricht. In den 1970er Jahren lag die Produktion dagegen bei drei bis vier Millionen Barrel pro Tag und machte zeitweise bis zu sieben Prozent des globalen Marktes aus.

Dieser Plan steht und fällt jedoch mit der Investitionsbereitschaft privater Akteure. Für den Wiederaufbau der venezolanischen Ölindustrie werden in den nächsten Jahren rund 100 Milliarden Dollar benötigt. Aus mehreren Gründen handelt es sich jedoch um eine äußerst unsichere Investition.

Der Chef des größten Ölkonzerns der USA sagte Trump unverblümt: „Wenn wir uns die rechtlichen und geschäftlichen Modelle und Rahmenbedingungen ansehen, die heute in Venezuela existieren, ist das derzeit nicht investierbar.“

Sicherheit und politisch-rechtliche Stabilität

Wenn große Unternehmen ihr Kapital riskieren sollen, müssen sie die Situation als stabil empfinden. Die venezolanische Regierung muss in der Lage sein, das ordnungsgemäße Funktionieren des Staates zu gewährleisten. Gleichzeitig muss es einen durchsetzbaren Rechtsrahmen geben, an den sich alle halten.

Große Unternehmen werden dieses Spiel ohne Garantien seitens der amerikanischen Regierung nicht spielen wollen, da Venezuela weit von Sicherheit und politisch-rechtlicher Stabilität entfernt ist.

Auch Trumps Zusicherungen, amerikanische Unternehmen seien künftig „in Sicherheit“, und frühere Schwierigkeiten hätten allein daran gelegen, dass er damals noch nicht Präsident gewesen sei, ändern daran wenig. Für die Konzerne bleibt unklar, wie sich künftige US-Regierungen gegenüber Venezuela positionieren werden. Investitionen in die dortige Ölinfrastruktur erfordern jedoch Planungshorizonte von mehreren Jahrzehnten und lassen sich nicht auf kurzfristige politische Zusagen stützen.

Wirtschaftlich nicht tragfähiges Projekt

Das gilt auch für die Bewertung der Rentabilität der Investition. Einfacher ausgedrückt: Wie viel bringt jeder investierte Euro ein?

Genau an diesem Punkt liegt das größte Hindernis. Auffällig ist dabei der innere Widerspruch zwischen den politischen Zielen, die Trump verfolgt, und den wirtschaftlichen Voraussetzungen, die für langfristige Investitionen notwendig wären.

Der US-Präsident drängt die Ölkonzerne zu einer riskanten und teuren Steigerung der Förderung in einem instabilen Staat, um in Amerika niedrige Verbraucherpreise zu erreichen. Dieses Wahlziel hat er in seiner Kampagne immer wieder betont. „Drill, baby, drill“ wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Doch wer wird in Projekte investieren, deren Förderkosten deutlich über denen anderer Produzenten liegen? Und das ausgerechnet in einer Phase, in der die Ölpreise auf dem niedrigsten Stand seit fünf Jahren notieren und der Abwärtstrend bislang keine Anzeichen einer Umkehr zeigt, sondern sich weiter fortsetzt?

Der entscheidende Haken liegt darin, dass sich Venezuelas Rohstoffreichtum nicht einfach und schon gar nicht kostengünstig erschließen lässt. Der überwiegende Teil der Reserven besteht aus Schweröl aus dem Orinoko-Gürtel. Dieses Öl ist so zähflüssig, dass es ohne aufwendige technische Verfahren in einem nahezu festen Zustand verbleibt. In seiner Beschaffenheit ähnelt es dem Bitumen aus den kanadischen Ölsanden, dessen Förderung als besonders kapital- und energieintensiv gilt.

Schweres Rohöl lässt sich zwar in leichtere Produkte aufspalten, dafür sind jedoch entsprechende Verarbeitungskapazitäten notwendig. Venezuela verfügt zwar über Anlagen mit einer nominellen Kapazität von etwas mehr als einer Million Barrel pro Tag, diese befinden sich jedoch in einem schlechten Zustand und würden umfangreiche Investitionen erfordern.

Wollen Unternehmen heute Öl aus Venezuela exportieren, müssen sie es zunächst verdünnen, um es transportfähig zu machen. Dafür wird es meist mit leichten Produkten wie Diesel in einem Verhältnis von etwa drei zu eins gemischt. Da solche Verdünnungsmittel im Land kaum gefördert werden und importiert werden müssen, ist das Verfahren entsprechend kostspielig.

Da der Käufer das saure und schwere venezolanische Öl aufwendig verarbeiten muss, liegt sein Marktpreis laut Bloomberg um sieben bis zehn Dollar unter dem des amerikanischen Vorzeigeöls WTI.

Das Portal schätzt daher, dass der Ölpreis bei etwa 50 Dollar liegen muss, damit es sich lohnt, das derzeitige Produktionsniveau Venezuelas - durchschnittlich knapp eine Million Barrel pro Tag - aufrechtzuerhalten. Zur Veranschaulichung: Ein Barrel WTI kostet derzeit fast 62 Dollar, während Nordsee-Brent etwa vier Dollar teurer ist.

Damit sich die rund 100 Milliarden Dollar teure Investition amerikanischer Unternehmen in den Wiederaufbau der venezolanischen Infrastruktur und die Raffination von Produkten direkt im Land auszahlt, müsste der Marktpreis für Öl laut dem Beratungsunternehmen Wood Mackenzie jedoch bei 80 Dollar bleiben, was in den nächsten Jahren nicht zu erwarten ist.

In der Praxis setzten die Ölkonzerne nach dem Treffen mit Trump eher darauf, kurzfristig das noch vorhandene Potenzial auszuschöpfen. Gemeint ist die Förderung jener Restvorkommen, die Venezuela derzeit noch anbieten kann. Chevron, das seit vielen Jahren im Land aktiv ist, erklärte, die aktuelle Produktion von rund 240.000 Barrel pro Tag innerhalb von zwei Jahren um etwa die Hälfte steigern zu können.

Über längere Zeiträume spricht dabei kaum jemand. Denn bei Trumps Forderung nach einer umfassenden Erneuerung der venezolanischen Ölinfrastruktur stellt sich die Lage deutlich anders dar.

Die US-Regierung ist sich dieser Zurückhaltung bewusst. Finanzminister Scott Bessent erklärte im Januar, dass große Konzerne wie Exxon Mobil, Chevron oder ConocoPhillips bislang zögern, während kleinere Akteure, die bereit sind, höhere Risiken einzugehen, deutlich aggressiver vorgehen.

Trump will daher 50 Millionen Barrel der zurückgehaltenen venezolanischen Ölvorräte zu Geld machen, um den Prozess zu beschleunigen und durch die Senkung der Anfangskosten auch die Giganten zu einer langfristigen Verpflichtung zu motivieren.

Die verschwiegenen Gründe

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass venezolanisches Öl derzeit kein unmittelbarer Glücksfall ist, für den es sich aus amerikanischer Sicht lohnen würde, militärische Risiken und diplomatische Spannungen in Kauf zu nehmen. Es handelt sich vielmehr um einen potenziellen Zusatznutzen, der sich ergeben könnte, falls es gelingt, die Zusammenarbeit mit der neuen Führung Venezuelas schrittweise zu vertiefen.

Die tieferen Gründe für die Intervention lassen sich vor allem aus der neuen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten sowie dem wiedererstarkten Interesse an Grönland ableiten. Das Weiße Haus teilte am 7. Januar mit, dass Donald Trump verschiedene Optionen für einen Erwerb der Insel prüfe. Neben einem Kauf oder einem Freihandelsabkommen, das Grönland ein gewisses Maß an Unabhängigkeit belassen würde, soll dabei auch eine militärische Annexion erwogen worden sein. Zu dieser Frage finden bereits Gespräche auf höchster Ebene zwischen dänischen, grönländischen und amerikanischen Diplomaten statt.

Ergänzt wird das Bild durch die wachsenden Befürchtungen in Kanada, das Trump im Verlauf des vergangenen Jahres mehrfach als möglichen 51. Bundesstaat der USA bezeichnet hatte.

Bob Rae, ehemaliger kanadischer Botschafter bei den Vereinten Nationen, erklärte, die Vereinigten Staaten bevorzugten unter der Führung von Donald Trump die Durchsetzung ihrer Dominanz in der westlichen Hemisphäre ohne jeden Sinn für rechtliche Bindungen.

Mit anderen Worten: Trump räumt an einigen Stellen auf, etwa in Venezuela, und plant an anderen präventiv den strategischen Vorhof der USA. Grönland und Kanada zählen dabei zu jenen Regionen, die er in einer multipolaren Welt unter amerikanischer Kontrolle sehen will und in denen er eine Einmischung anderer Großmächte vermeiden möchte.

Auch wenn Trump seine Drohungen, Kanada zum 51. Bundesstaat der USA zu machen, zuletzt nicht wiederholt hat, ist das aus Sicht Ottawas kein Anlass zur Entwarnung. Ähnlich wie im Fall Grönlands bleibt die Lage aus kanadischer Perspektive angespannt.

„Wenn Sie glauben, dass wir nicht auf der Liste stehen, nur weil er die Worte ‚51. Bundesstaat‘ nicht erwähnt hat, dann haben Sie meiner Meinung nach das Wesentliche dieser Regierung nicht verstanden“, so Rae.