Europa will Starlink Konkurrenz machen. Der französische Satellitenbetreiber Eutelsat baut gemeinsam mit OneWeb eine große Satellitenkonstellation im niedrigen Erdorbit auf, die Internetverbindungen unabhängig von terrestrischer Infrastruktur ermöglichen soll. Ziel ist eine europäisch kontrollierte Alternative zu dem von Elon Musk dominierten System, das in diesem Marktsegment bislang nahezu konkurrenzlos ist.
Konkret geht es um Hunderte neue Satelliten, Investitionen in Milliardenhöhe und um die Verlängerung und Modernisierung eines bestehenden Netzes, das Staaten, Unternehmen und im Krisenfall auch Behörden nutzen können. OneWeb ist derzeit die einzige kommerzielle LEO-Konstellation außerhalb von Starlink mit globalem Anspruch, an der Europa maßgeblich beteiligt ist. Politisch ist das Projekt aufgeladen, weil es nicht um bessere Verbindungsgeschwindigkeiten geht, sondern um Kontrolle, Zugriff und strategische Abhängigkeiten.
Denn Starlink ist längst Realität. Mehr als 6.750 Satelliten sind bereits im Einsatz, das Netz wächst weiter, neue Nutzer kommen hinzu. Elon Musk kontrolliert dabei die gesamte Wertschöpfungskette: Raketenstarts, Satellitenproduktion, Netzbetrieb, Vermarktung. Dieser vertikal integrierte Ansatz ermöglicht Geschwindigkeit, Skalierung und Kostenkontrolle. Der Vorsprung ist sichtbar und strukturell.
Starlink wird in Krisengebieten eingesetzt, in entlegenen Regionen, bei Naturkatastrophen – und zunehmend auch im regulären Wirtschaftsleben. Dass die Lufthansa-Gruppe Starlink für ihre Flugzeuge einsetzt, ist Ausdruck dieser Marktreife. Es ist keine Image-Entscheidung, sondern eine betriebswirtschaftlich nüchterne. Wer heute weltweit stabiles Internet anbieten will, greift zu dem System, das verfügbar ist, leistungsfähig ist und sich schnell integrieren lässt. Auch Austrian Airlines ist Teil dieses Rollouts. Europa ist hier nicht Beobachter, sondern Nutzer.
Der Iran zeigt, worum es wirklich geht
Damit entsteht eine neue Normalität: Starlink wird vom Ausnahme- und Krisentool zur alltäglichen Infrastruktur. Genau das verschärft die strategische Frage. Denn je stärker sich zentrale europäische Unternehmen an ein einziges System binden, desto größer wird die Abhängigkeit – technisch, wirtschaftlich und im Zweifel politisch.
Die europäische Alternative folgt einer anderen Logik. OneWeb entstand ursprünglich als privates Projekt, geriet früh in finanzielle Schwierigkeiten und wurde nur durch staatliche Eingriffe gerettet. Vor allem Großbritannien spielte dabei eine zentrale Rolle. 2023 folgte die Fusion mit Eutelsat, womit OneWeb endgültig in eine europäische Struktur eingebettet wurde. Heute ist das System weder reine Privatwirtschaft noch klassisches Staatsprojekt, sondern eine Mischform: wirtschaftlich organisiert, politisch getragen, strategisch motiviert.
Dass Europa langsamer ist, ist kein Zufall. Wenn 27 Staaten mitreden, entstehen Abstimmung, Kontrolle und Kompromiss. Investitionen müssen politisch legitimiert, industriepolitisch eingebettet und haushaltspolitisch abgesichert werden. Elon Musk entscheidet allein. Europa entscheidet gemeinsam. Das ist demokratisch stabiler – aber strukturell langsamer. Und im digitalen Raum ist Zeit selbst ein Machtfaktor. Wie konkret diese Debatte ist, zeigt die aktuelle Lage im Iran. Dort hat das Regime in Phasen massiver Proteste das Internet eingeschränkt oder abgeschaltet. Ziel war Kontrolle: Informationsflüsse unterbrechen, Koordination verhindern, Öffentlichkeit fragmentieren. In solchen Situationen wird sichtbar, dass Internet keine neutrale Dienstleistung ist, sondern ein zentrales Herrschaftsinstrument.
Satellitengestützte Netze lassen sich deutlich schwerer abschalten als nationale Mobilfunk- oder Glasfasernetze. Genau deshalb wurde Starlink in diesem Kontext zur Alternative. Und genau hier wurde sichtbar, was Europa fehlt: ein eigenes, sofort verfügbares System, das im Ernstfall unabhängig genutzt werden kann und nicht von den Entscheidungen eines einzelnen privaten US-Unternehmers abhängt.
Digitale Infrastruktur wurde in Europa lange wie ein Markt behandelt. Wettbewerb, Regulierung, Verbraucherpreise. Die iranischen Netzabschaltungen führen jedoch vor Augen, dass es um mehr geht. Wer entscheidet im Krisenfall über Zugang? Wer priorisiert Kapazitäten? Wer kann abschalten – oder eben nicht? Diese Fragen sind sicherheitspolitisch, nicht technisch.
Raumfahrt zwischen Symbolik und Realität
Wie weit Anspruch und Realität auseinanderliegen, zeigt auch der politische Diskurs. Deutschlands neue Forschungs-, Technologie- und Raumfahrtministerin Dorothee Bär (CSU) erklärte kurz nach Amtsantritt, sie wolle sich dafür einsetzen, dass künftig eine Frau auf dem Mond landet. Zwölf Menschen seien bisher dort gewesen, alle zwölf Männer – das sei auch ein Symbol.
Der Satz ist gut gemeint, aber entlarvend. Während über Mondmissionen, Repräsentation und langfristige Visionen gesprochen wird, entscheiden sich Fragen digitaler Souveränität längst im niedrigen Erdorbit. Nicht in Jahrzehnten, sondern jetzt. Nicht auf der Mondoberfläche, sondern bei Satelliteninternet, Redundanz und Krisenfestigkeit.
Der Iran zeigt, was passiert, wenn Staaten das Netz abdrehen. Starlink zeigt, wie schnell ein privater Akteur globale Infrastruktur bereitstellen kann. Europa versucht nun, aufzuholen – mit Eutelsat, OneWeb und erheblichem finanziellen und politischen Aufwand. Parallel arbeitet die EU mit IRIS² an einem langfristigen, staatlich getragenen Satellitensystem. Doch auch dieses Projekt wird Zeit brauchen. Europa kommt spät. Starlink ist etabliert, der Markt verteilt, Abhängigkeiten entstehen bereits. Doch genau deshalb ist OneWeb kein Luxusprojekt, sondern eine strategische Notwendigkeit. Nicht, um Elon Musk zu kopieren, sondern um Alternativen zu haben, bevor Alternativlosigkeit zur Normalität wird.
Denn digitale Souveränität entscheidet sich nicht in Sonntagsreden und nicht auf dem Mond. Sie entscheidet sich im Orbit – und in der Frage, ob Europa im Ernstfall mehr als einen Schalter zur Verfügung hat.