4.849 ermordete Christen: Weltverfolgungsindex dokumentiert globale Eskalation

388 Millionen Christen sind weltweit Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Der Weltverfolgungsindex von Open Doors zeigt, wo die Lage eskaliert – und warum Christen zunehmend unter Druck geraten.

Immer mehr Christen setzen wegen ihres Glaubens ihr Leben aufs Spiel. Foto: Tomáš Baršváry/Midjourney/KI

Immer mehr Christen setzen wegen ihres Glaubens ihr Leben aufs Spiel. Foto: Tomáš Baršváry/Midjourney/KI

Die Menschenrechtsorganisation Open Doors hat ihren Weltverfolgungsindex 2026 veröffentlicht. Die jährlich erscheinende Studie gilt als eines der umfassendsten Instrumente zur Erfassung von Christenverfolgung weltweit. Das Ergebnis ist ernüchternd: 388 Millionen Christen sind laut Index einem hohen bis extremen Maß an Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt – so viele wie nie zuvor. Noch im Vorjahr lag die Zahl bei rund 380 Millionen. Der Trend ist eindeutig.

Der Berichtszeitraum umfasst die Monate von Oktober 2024 bis Oktober 2025. In diesem Zeitraum hat Open Doors Daten aus rund 100 Ländern ausgewertet und die 50 Staaten identifiziert, in denen Christen ihren Glauben unter den gefährlichsten Bedingungen leben. An der Spitze der Rangliste steht erneut Nordkorea, gefolgt von Somalia, dem Jemen, dem Sudan und Eritrea. Besonders auffällig ist jedoch ein Land, das lange als Sonderfall galt: Syrien.

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Syrien: Vom Machtwechsel zur systematischen Bedrohung

Syrien ist im aktuellen Index von Platz 18 auf Platz sechs vorgerückt. Damit bewertet Open Doors die Christenverfolgung dort nicht mehr als „sehr hoch“, sondern als „extrem“. Auslöser dieser dramatischen Verschlechterung ist der Machtwechsel in Damaskus. Nach dem Sturz des Assad-Regimes und der Konsolidierung islamistischer Kräfte unter Ahmed al-Scharaa hat sich die Lage religiöser Minderheiten massiv verschärft.

Im Berichtszeitraum konnten mindestens 27 gewaltsame Todesfälle von Christen verifiziert werden. Im Jahr davor wurde kein einziger Fall dokumentiert. Open Doors weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass die tatsächliche Zahl höher liegen dürfte, da viele Fälle nicht überprüfbar sind. Besonders folgenschwer war ein Selbstmordanschlag auf die griechisch-orthodoxe Mar-Elias-Kirche in Damaskus im Juni 2025, bei dem 22 Gläubige getötet wurden.

Der Leiter von Open Doors Österreich, Kurt Igler, spricht von einer „verheerenden Kehrtwende“. Nach dem Machtwechsel habe es zunächst vorsichtigen Optimismus gegeben, dieser sei jedoch rasch verflogen. Entscheidend sei nicht nur die offene Gewalt, sondern der weitgehende Zusammenbruch staatlicher Ordnung. Wo Polizei, Justiz und Verwaltung ihre Schutzfunktion verlieren, entsteht ein Raum, in dem extremistische Akteure nahezu ungehindert agieren können.

Berichte aus Damaskus verdeutlichen die Lage: Fahrzeuge mit Lautsprechern fahren durch christliche Viertel und fordern die Bewohner zur Konversion zum Islam auf. An Kirchen werden Flugblätter angebracht, in denen Christen zur Zahlung der Dschizya oder zur Aufgabe ihres Glaubens gedrängt werden. Parallel dazu wird das Bildungswesen ideologisch umgestaltet. Vorislamische Geschichte verschwindet aus Lehrplänen, historisch bedeutsame Frauen werden gestrichen, religiöse Inhalte vermitteln ein Weltbild, in dem Juden und Christen als „Verdammte und Verirrte“ erscheinen.

Subsahara-Afrika: Gewalt im Schatten schwacher Staaten

Neben dem Nahen Osten bleibt Subsahara-Afrika die zweite große Krisenregion. Vierzehn Länder dieser Region finden sich unter den 50 Staaten des Weltverfolgungsindex. Ausschlaggebend ist hier weniger staatliche Ideologie als der Mangel an funktionierender Staatlichkeit.

Open Doors beschreibt ein wiederkehrendes Muster: Der Zusammenbruch staatlicher Autorität führt zu einem Zusammenspiel aus organisierter Kriminalität und dschihadistischer Gewalt. Kriminelle Netzwerke attackieren gezielt christliche Gemeinden, plündern Dörfer und finanzieren mit den Erlösen islamistische Milizen. In sechs der 14 Länder südlich der Sahara gelten islamische Unterdrückung sowie Korruption und organisiertes Verbrechen als Hauptursachen der Verfolgung.

Besonders hervorgehoben wird Nigeria. Das Land liegt im Index auf Platz sieben und gilt laut Open Doors als „globales Epizentrum tödlicher Gewalt gegen Christen“. Von mindestens 4.849 Christen, die weltweit im Berichtszeitraum wegen ihres Glaubens getötet wurden, stammen 3.490 aus Nigeria. Massaker, Entführungen und Anschläge durch islamistische Gruppen sind dort insbesondere im Norden des Landes an der Tagesordnung.

Internationale Berichterstattung reduziert diese Gewalt häufig auf ethnische Konflikte oder Auseinandersetzungen um Land und Ressourcen. Menschenrechtsorganisationen widersprechen dieser Darstellung entschieden. Christen und christliche Einrichtungen seien überproportional betroffen, die religiöse Dimension werde systematisch verharmlost.

Die Länder, in denen es für Christen am gefährlichsten ist; (Quelle: Open Doors)

Verfolgung ist mehr als offene Gewalt

Ein zentrales Merkmal des Weltverfolgungsindex ist seine differenzierte Methodik. Er erfasst nicht nur physische Gewalt, sondern auch Einschränkungen der Glaubensfreiheit in sechs Lebensbereichen: Privatleben, Familienleben, gesellschaftliches Leben, staatliches Leben, kirchliches Leben und Gewalt. Daraus ergibt sich eine Punktzahl zwischen 0 und 100. Ab 41 Punkten gilt Verfolgung als hoch, ab 61 als sehr hoch und ab 81 als extrem.

Erstmals haben im aktuellen Index 15 Länder die Schwelle von 80 Punkten überschritten. Zum Vergleich: 2014 erreichte nur Nordkorea diesen Bereich. Heute liegt keines der zehn erstplatzierten Länder unter 85 Punkten. Für Kurt Igler ist das ein klares Indiz dafür, dass sich die globale Lage strukturell verschärft hat.

Dabei verändern sich auch die Formen der Verfolgung. In Algerien ist die Zahl gewaltsamer Übergriffe gesunken. Das bedeutet jedoch keine Entspannung. Durch die Schließung nahezu aller protestantischen Kirchen ist christliches Leben aus der Öffentlichkeit verschwunden. Wo keine Gemeinden mehr existieren, gibt es auch weniger sichtbare Angriffsziele. Verfolgung äußert sich hier vor allem als Isolation.

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Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in China. Der Staat setzt zunehmend auf digitale Kontrolle. Geistliche unterliegen strengen Auflagen, Online-Verkündigung ist stark eingeschränkt, Live-Übertragungen von Gottesdiensten sind verboten. Bibel-Apps, Spendensammlungen und Jugendarbeit gelten als illegal. Kinder und Jugendliche dürfen keine Gottesdienste besuchen.

Unabhängige Hauskirchen haben sich laut Open Doors in kleine, geheime Gruppen aufgespalten, um staatlicher Überwachung zu entgehen. Das tatsächliche Ausmaß dieser Unterdrückung ist schwer zu beziffern, da viele Christen im Untergrund leben. Auch hier ist von einer erheblichen Untererfassung auszugehen.

Ein Index als Warnsignal

Der Weltverfolgungsindex kann das Ausmaß der Christenverfolgung nicht vollständig abbilden. Er liefert belastbare Daten, verifizierte Fälle und vergleichbare Maßstäbe – bleibt aber zwangsläufig hinter der Realität zurück. Gerade in autoritären Staaten und Krisenregionen ist unabhängige Dokumentation kaum möglich.

Dennoch erfüllt der Index eine zentrale Funktion: Er macht sichtbar, was sonst politisch und medial leicht verdrängt wird. Christenverfolgung ist kein Randphänomen, sondern eine der größten systematischen Menschenrechtsverletzungen der Gegenwart. Dass 388 Millionen Menschen davon betroffen sind, ist keine abstrakte Zahl, sondern Ausdruck einer globalen Entwicklung, die politische Machtfragen, religiöse Ideologien und staatliches Versagen miteinander verbindet.

Für Kurt Igler ist die Schlussfolgerung eindeutig: Wo staatlicher Schutz zusammenbricht und extremistische Kräfte die Lücke füllen, zahlen religiöse Minderheiten den Preis. Der Weltverfolgungsindex ist damit weniger ein Abschlussbericht als ein fortlaufendes Warnsignal.