Kiew. Hunter Biden, Sohn des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Joe Biden, hat sich ausführlich zu den Vorwürfen rund um seine frühere Tätigkeit in der Ukraine geäußert. Die Debatte rückt damit erneut eine grundsätzliche Frage in den Mittelpunkt: Hat sich das Land in den vergangenen Jahren tatsächlich von Korruption und politischer Einflussnahme gelöst – oder bleiben alte Muster bestehen? Die Analyse fällt ernüchternd aus.
Korruption ist in der Ukraine nicht nur Gegenstand für Besorgnis europäischer Partner im Zusammenhang mit einem möglichen EU-Beitritt, sondern auch ein zentrales Anliegen der Bevölkerung des vom Krieg gezeichneten Landes selbst. Präsident Wolodymyr Selenskyj gewann die Wahlen einst auch mit dem Versprechen, umfassende Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung einzuleiten.
Umso irritierender war es, dass der Präsident selbst ein Gesetz unterzeichnete, das die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden erheblich einschränkte. Der Schritt folgte auf die Festnahme zweier Mitarbeiter der Nationalen Antikorruptionsbehörde durch den ukrainischen Sicherheitsdienst, denen Spionage und Verbindungen zu Russland vorgeworfen werden.
Nach massiver Kritik im Inland sowie Vorbehalten seitens der EU-Vertreter hob der Präsident die Restriktionen wieder auf und legte ein neues Gesetz vor, das den Behörden ihre Unabhängigkeit bei der Untersuchung von Korruptionsfällen zurückgibt.
Das Thema Korruption und deren Aufdeckung in der Ukraine ist auch für die europäischen und amerikanischen Verbündeten von außerordentlicher Bedeutung. Immerhin unterstützen sie das Land finanziell und materiell in erheblichem Umfang – einschließlich bei der militärischen Verteidigung gegen die russische Aggression.
Hunter Bidens Erfahrungen mit der Ukraine
Über die Korruption in der Ukraine äußerte sich kürzlich nun auch Hunter Biden, der Sohn des ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden, in einem ausführlichen Interview. In dem beliebten Podcast Shawn Ryan Show, moderiert von einem früheren Mitglied der Navy SEALS und späteren CIA-Auftragnehmer, sprach er über seine Tätigkeit in der Ukraine.

Von 2014 bis 2019 war Biden Mitglied des Vorstands des ukrainischen Energieunternehmens Burisma Holdings, einem der größten privaten Erdgasproduzenten der Ukraine. Der Sohn des Präsidenten beschrieb sein Umfeld als „Schlangennest“ und bezeichnete das Land aufgrund der weit verbreiteten Korruption als „Kleptokratie“. Rückblickend betrachte er seine Entscheidung, für Burisma Holdings zu arbeiten, als „absoluten Fehler“, da er zu dieser Zeit „sehr naiv in Bezug auf das Ausmaß der Korruption im Land“ gewesen sei.
Hunter Biden war im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit für das ukrainische Unternehmen selbst Gegenstand einer Korruptionsermittlung, die auch seinen Vater betraf, jedoch ohne Ergebnis eingestellt wurde. Der FBI-Informant Alexander Smirnov, der von angeblichen Bestechungszahlungen an die Bidens berichtet hatte, wurde später wegen Falschaussagen angeklagt. Hunter Biden selbst wurde wegen Steuervergehen und illegalen Waffenbesitzes verurteilt, woraufhin sein Vater Joe Biden ihm Kraft seiens Amtes als Präsident eine Begnadigung gewährte - ein hoch umstrittene Entscheidung, die auf viel Kritik in den USA stieß, ist es doch auch eine Form von Privilegierung der eigenen Familie durch einen amtierenen Präsidenten.
Korruption in der Ukraine nach wie vor weit verbreitet
Die Aussagen von Hunter Biden im Podcast unterstreichen die verbreitete Wahrnehmung von Korruption in der Ukraine, die bis 2019 weite Teile der Gesellschaft prägte und als gravierendes Problem galt. In jenem Jahr gewann Wolodymyr Selenskyj die Präsidentschaftswahlen mit dem Versprechen umfassender Antikorruptionsreformen und der Befreiung des Landes vom Einfluss der Oligarchen.
Die Öffentlichkeit und westliche Beobachter reagierten beunruhigt, als der ukrainische Präsident während des Krieges dann versuchte, die Arbeit der Antikorruptionsbehörden einzuschränken. Später wurde bekannt, dass deren Ermittlungen auch zur Anklage von Personen aus seinem engen Umfeld geführt hatten.

Statistiken sprechen von gestohlenen Millionen
In einem Bericht auf ihrer Website teilte die ukrainische nationale Antikorruptionsbehörde NABU mit, dass es in der ersten Hälfte des Jahres 2025 zu mehreren aufsehenerregenden Enthüllungen über korruptes Verhalten hochrangiger Amtsträger gekommen sei.
Erstmals in der Geschichte von NABU und der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft SAPO wurde ein amtierender stellvertretender Ministerpräsident, Oleksij Černyšov, wegen Korruptionsvorwürfen entlarvt. Zudem erhoben die Ermittler Anklage gegen den ehemaligen stellvertretenden Leiter des Präsidialamtes wegen des Verdachts der Bestechung und Geldwäsche.
Die NABU führte darüber hinaus eine Operation mit dem Namen Saubere Stadt durch, um eine kriminelle Organisation zu zerschlagen, die Entscheidungen über Landrechte in Kiew kontrollierte. Im Verteidigungsministerium wurden zwei große Korruptionsfälle aufgedeckt: ein System zur künstlichen Erhöhung der Lebensmittelpreise für die Armee, das einen Schaden von 733 Millionen Hrywnja (ca. 14. Millionen Euro) verursachte, sowie die Veruntreuung von 246 Millionen Hrywnja, die für die Entwicklung des automatisierten Kommandosystems DZVIN für die Streitkräfte vorgesehen waren.

Die Antikorruptionsbehörden deckten zudem eine kriminelle Gruppe aus Richtern und Anwälten auf, die Männern im wehrpflichtigen Alter half, das Land illegal zu verlassen und gegen Gebühr einen Aufschub der Mobilisierung zu erhalten. Eine weitere Gruppe von Justizbeamten wurde dabei ertappt, wie sie vertrauliche Informationen über laufende Ermittlungen weitergab.
Laut Angaben der NABU wurden 154 Personen vor Gericht gestellt, darunter der ehemalige Chef der Nationalbank der Ukraine, dem die Veruntreuung von mehr als 206 Millionen Hrywnja vorgeworfen wird, sowie ein Parlamentsabgeordneter, der einen korrupten Gashandel im Wert von mehr als 2,1 Milliarden Hrywnja organisiert haben soll. Angeklagt wurden darüber hinaus Beteiligte an millionenschweren Unterschlagungen im Zusammenhang mit dem Bau von Lagern für das Verteidigungsministerium, der Beschaffung von Reaktivpanzerung für Militärfahrzeuge und kugelsicheren Westen.
Ein weiterer Abgeordneter des ukrainischen Parlaments wurde zu einer Freiheitsstrafe von bis zu sieben Jahren verurteilt, weil er illegal 85.000 Dollar angenommen hatte, um einem privaten Unternehmen einen Pachtvertrag für staatliches Land zu sichern.
Der ehemalige Vorsitzende des Regionalrats von Ternopil erhielt wegen der Annahme von mehr als 600.000 Hrywnja von einem Unternehmer eine Haftstrafe von neun Jahren. Vier frühere Beamte der Ukrainischen Eisenbahn wurden zu Haftstrafen von acht bis neun Jahren verurteilt, nachdem sie der Veruntreuung von mehr als 98 Millionen Hrywnja bei der Beschaffung von Kraftstoffen und Schmiermitteln schuldig gesprochen worden waren.
Hunderte neuer Feststellungen allein im ersten Halbjahr 2025
Die Anti-Korruptions-Staatsanwaltschaft und die Behörde sprechen von 370 neuen Ermittlungen allein im ersten Halbjahr 2025. Der geschätzte wirtschaftliche Effekt ihrer Tätigkeit – also die voraussichtlich eingesparten Mittel – werden auf 1,5 Milliarden Hrywnja beziffert, was etwa 35 Millionen Euro entspricht.
Ende Dezember 2025 gaben NABU und SAPO die Aufdeckung einer organisierten Gruppe im Parlament bekannt, in der notwendige Stimmen durch Bestechung gekauft worden sein sollen. Die Organisatoren koordinierten die Aktivitäten der Abgeordneten, legten fest, welche Vorlagen unterstützt oder blockiert werden sollten, und sorgten für den Erhalt sowie die Verteilung der finanziellen Mittel. Die übrigen Beteiligten verpflichteten sich, nach diesen Vorgaben abzustimmen und im Sitzungssaal anwesend zu sein.
Die Mehrheit der Abgeordneten im Parlament gehört der Regierungs-Partei Sluha ľudu (Diener des Volkes) des Präsidenten an – 254 von 450 Sitzen.
Korruption der Mächtigen im Energiesektor
Die Antikorruptionsbehörden schlossen die Ermittlungen in einem Fall ab, in dem der frühere stellvertretende Ministerpräsident und Minister Oleksij Černyšov, der vom Gericht in Untersuchungshaft genommen wurde, zu den Hauptverdächtigen in einem Korruptionskomplex im Energiesektor zählt. Zu der Gruppe der Beschuldigten gehört nach Angaben der Ermittler auch Justizminister Herman Haluščenko. Insgesamt sollen Bestechungsgelder in Höhe von rund 100 Millionen Dollar geflossen sein.
Nach Angaben der Antikorruptionsbehörde stammte das Geld aus illegalen Provisionen in Höhe von zehn bis 15 Prozent aus Verträgen mit dem staatlichen Energieunternehmen Enerhoatom. Dabei handelte es sich um lukrative Bauaufträge, mit denen das Unternehmen seine Energieinfrastruktur vor den anhaltenden russischen Luftangriffen schützen wollte.
Was die Ermittler fanden
Die 15-monatige Untersuchung der NABU mit dem Namen Operation Midas brachte Geldtransfers nach Russland sowie luxuriöse Villen in Kiew ans Licht. Zudem wurden große Mengen Bargeld in Reisetaschen sichergestellt. In einem abgehörten Gespräch beklagte sich einer der Verdächtigen darüber, an starken Rückenschmerzen zu leiden – verursacht durch das Tragen schwerer Geldbündel.
Der Skandal im Energiesektor führte zum Rücktritt des Chefs des Präsidialamtes, Andrij Jermak, der sein Amt niederlegte, nachdem die NABU eine Razzia in seinem Haus durchgeführt hatte.

Bei Timur Mindich, einem der einflussreichsten Männer der Ukraine und langjährigen Geschäftspartner Selenskyjs, der als Anführer der Gruppe galt, fanden Polizisten bei Durchsuchungen seiner Immobilien eine goldene Toilette. Mindich selbst entzog sich jedoch der Festnahme und floh.
Im Januar 2023 wurde auch der damalige stellvertretende ukrainische Infrastrukturminister Vasyl Lozynskyj entlassen, nachdem er beschuldigt worden war, 400.000 Dollar aus dem Staatshaushalt für Winterhilfe als Bestechungsgeld angenommen zu haben.
Korruption bleibt, Europa zahlt
All diese Fälle von Korruption und Veruntreuung auf höchster staatlicher Ebene zeigen, dass kriminelle Strukturen nicht nur im Umfeld des Präsidenten und seiner Partei bestehen, sondern auch in anderen Schlüsselbereichen der Verwaltung fortwirken.
Dabei war es ausgerechnet Wolodymyr Selenskyj, der mit dem Versprechen antrat, die Korruption zu bekämpfen. Ohne den anhaltenden Druck westlicher Verbündeter hätte er jedoch offenbar eher die Arbeit der Antikorruptionsbehörden eingeschränkt, als sie gestärkt.
Offen bleibt die Frage, ob die Beteiligten bei der Begehung ihrer Taten darauf vertrauten, dass der Präsident aus welchen Gründen auch immer nicht eingreifen würde, oder ob sie schlicht davon ausgingen, dass ihre Stellung sie vor Ermittlungen schütze. Die Veruntreuung staatlicher Mittel in einem Land im Krieg gehört zu den schwersten Formen des Amtsmissbrauchs.
Diese Straftaten sind jedoch nicht nur im Zusammenhang mit dem Krieg oder den Bemühungen um einen EU-Beitritt problematisch. Ein erheblicher Teil der veruntreuten Gelder stammt aus Mitteln europäischer Steuerzahler, darunter aus dem jüngst genehmigten Darlehen in Höhe von 90 Milliarden Euro.
Die Annahme, die vom Krieg schwer zerstörte Ukraine werde in der Lage sein, dieses und zahlreiche weitere Darlehen in Friedenszeiten vollständig zurückzuzahlen und zugleich die Infrastruktur des Landes mit Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe zu erneuern, erscheint wenig realistisch. Wahrscheinlicher ist, dass ein Teil der Schulden abgeschrieben werden muss oder das Land in eine umfassende Umschuldung gerät.
Hunter Bidens Worte über die "Kleptokratie" in der Ukraine gewinnen vor diesem Hintergrund an Gewicht. Umso wichtiger ist es, die Arbeit der Antikorruptionsbehörden hervorzuheben, denen es trotz aller Widerstände gelungen ist, organisierte kriminelle Netzwerke bis ins Parlament aufzudecken.