Der Drache übernimmt die Werkbank – China überholt Deutschland in Schlüsselindustrie

Deutschland verliert seine Vormachtstellung bei Werkzeugmaschinen an China. Der Machtwechsel in einem Schlüsselbereich ist mehr als eine Branchenmeldung – er zeigt, wie tief die industrielle Substanz des Standorts inzwischen unter Druck geraten ist.

Chinesischer Schweißer in einem Maschinenbaubetrieb in Weifang, Provinz Shandong. Foto: VCG/VCG via Getty Images

Chinesischer Schweißer in einem Maschinenbaubetrieb in Weifang, Provinz Shandong. Foto: VCG/VCG via Getty Images

Berlin/Peking. Der nächste Titel ist weg. Deutschlands Werkzeugmaschinenhersteller haben 2025 ihre jahrzehntelange Position als Exportweltmeister verloren. Erstmals liegt China an der Spitze des globalen Exportgeschäfts dieser zentralen Industrie. Was auf den ersten Blick wie eine Branchenmeldung wirkt, ist in Wahrheit ein weiterer Beleg für den schleichenden industriellen Abstieg Deutschlands.

Nach vorläufigen amtlichen Zahlen, die der Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) ausgewertet hat, kommt China inzwischen auf 21,6 Prozent Anteil am weltweiten Export von Werkzeugmaschinen. Deutschland erreicht nur noch 16,7 Prozent. Die Dynamik dahinter ist ebenso ernüchternd wie eindeutig: Während die Exporte deutscher Hersteller 2025 um zehn Prozent eingebrochen sind, legten die chinesischen Anbieter um 18 Prozent zu. Die Wachablösung an der Spitze ist vollzogen.

Dabei galt die Werkzeugmaschine lange als letzte Bastion deutscher industrieller Dominanz. Im gesamten Maschinen- und Anlagenbau hatte China Deutschland bereits 2020 als größtes Exportland überholt. Bei Werkzeugmaschinen jedoch konnte sich die deutsche Industrie noch behaupten – bis jetzt. Dass es nicht länger reichte, überrascht die Branche selbst kaum noch.

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Die Basis jeder Industrieproduktion

Die Bedeutung der Werkzeugmaschinenindustrie geht weit über ihre eigenen Kennzahlen hinaus. Sie bildet die Grundlage jeder industriellen Wertschöpfung. Ohne Dreh- und Fräsmaschinen, Pressen, Schmieden oder Schleifanlagen gibt es keine Automobile, keine Windkraftanlagen, keine Medizintechnik, keine Präzisionsoptik. Der VDW-Vorsitzende Franz-Xaver Bernhard bringt es nüchtern auf den Punkt: Keine industrielle Fertigung kommt ohne diesen Maschinentypus aus.

Gerade deshalb ist der Verlust der Exportführerschaft mehr als ein symbolischer Einschnitt. Er trifft den Kern des industriellen Modells Deutschlands. Wo die Ausrüstungsindustrie schwächelt, folgen andere Branchen zeitverzögert nach. Werkzeugmaschinen gelten nicht zufällig als Frühindikator für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.

China hat strategisch geplant – Deutschland reagiert

Der Aufstieg Chinas ist kein Zufall und kein kurzfristiges Phänomen. Seit zwei Jahrzehnten ist die Werkzeugmaschine fester Bestandteil chinesischer Industrie- und Fünfjahrespläne. Ziel war und ist technologische Eigenständigkeit, geringere Importabhängigkeit und der systematische Aufbau globaler Marktanteile. Während Deutschland lange auf bestehende Stärken vertraute, investierte China strategisch, staatlich flankiert und mit langem Atem.

Hinzu kommt: Die chinesischen Produkte sind längst nicht mehr nur einfache, qualitativ unterlegene Maschinen. Viele Hersteller setzen heute auf europäische Schlüsselkomponenten, etwa bei Steuerungen, Antriebssystemen oder Messtechnik. Der Preisvorteil bleibt dennoch erheblich. Maschinen aus China sind deutlich günstiger als vergleichbare Modelle aus Deutschland, Japan oder Italien. Forderungen nach Anti-Dumping- oder Anti-Subventionsverfahren werden lauter, doch bislang bleibt es bei Appellen.

Zunächst expandieren chinesische Anbieter vor allem in Asien, Afrika, Südamerika und dem Nahen Osten. Doch auch Europa rückt stärker in den Fokus. Selbst auf dem deutschen Markt gewinnen sie überproportional an Bedeutung und liegen inzwischen hinter der Schweiz, Italien und Japan auf Rang vier der wichtigsten Lieferländer.

Schrumpfender Heimatmarkt, schrumpfende Belegschaften

Noch gravierender als der internationale Wettbewerb ist die Lage im Inland. Die Inlandsproduktion der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie ist 2025 um acht Prozent auf 13,6 Milliarden Euro eingebrochen. Bereits im Jahr zuvor hatte es ein Minus von vier Prozent gegeben. Zwei Rückgänge in Folge, ohne erkennbare Trendwende.

Die Folgen sind sichtbar. Die Beschäftigtenzahl sank innerhalb von zehn Monaten um vier Prozent auf nur noch knapp 64.000. Jedes dritte Unternehmen plant laut VDW-Konjunkturumfrage weitere Reduzierungen bei der Stammbelegschaft. Kapazitätsanpassung heißt in der Praxis: weniger Arbeitsplätze, weniger Investitionen, weniger industrielle Substanz.

Dabei mangelt es nicht an grundsätzlichem Bedarf. In vielen Industriezweigen müssten Maschinen ersetzt oder modernisiert werden. Doch die Investitionszurückhaltung ist massiv. Schlechte Standortbedingungen, hohe Energiepreise, überbordende Regulierung und politische Unsicherheit lähmen die Unternehmen. „Der Markt springt nicht an, wenn alle verunsichert sind“, sagt Bernhard. Die politischen Probleme seien bekannt, doch Entscheidungen würden verschleppt oder gar nicht getroffen.

Ein Abstieg mit System

Die Krise der Werkzeugmaschinenindustrie ist kein Einzelfall. Sie fügt sich ein in ein größeres Bild. Deutschland verliert in immer mehr Schlüsselindustrien an Boden: Chemie, Stahl, Automobil, Maschinenbau. Investitionen wandern ab, Produktionskapazitäten werden verlagert, neue Werke entstehen dort, wo Energie günstiger, Verfahren schneller und politische Rahmenbedingungen verlässlicher sind.

Der industrielle Kern der deutschen Volkswirtschaft erodiert schrittweise. Nicht durch einen großen Schock, sondern durch Jahre politischer Untätigkeit, falscher Prioritäten und struktureller Selbstblockade. Die Werkzeugmaschinenindustrie macht diesen Abstieg besonders sichtbar, weil sie am Anfang der industriellen Wertschöpfungskette steht.

Verhaltener Blick nach vorn

Für 2026 rechnet der VDW vorsichtig mit einer Stabilisierung. Ein Produktionsplus von einem Prozent gilt als möglich. Die Talsohle könnte erreicht sein, der Auftragseingang kratzt nach drei Jahren Rückgang wieder an der Nulllinie. Doch selbst diese Minimalprognose steht auf wackligen Füßen. Auch dieses eine Prozent müsse erst erkämpft werden, heißt es aus der Branche.

Zusätzliche Risiken kommen von außen. Die USA zählen weiterhin zu den wichtigsten Exportmärkten, doch dort verzeichnete die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie 2025 bereits ein Minus von zwölf Prozent. Neue Zolldrohungen aus Washington verschärfen die Unsicherheit. Hoffnung gibt es punktuell in Bereichen wie Rüstung oder Luftfahrt, doch das reicht nicht aus, um die strukturellen Schwächen zu kompensieren.

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Kein gutes Zeichen für die Gesamtwirtschaft

Die anhaltende Schwäche der Werkzeugmaschinenhersteller ist ein Warnsignal für die gesamte deutsche Volkswirtschaft. Ihre wichtigsten Kunden sind Maschinenbau, Automobilindustrie sowie Metallverarbeitung – allesamt Schlüsselbranchen des Standorts. Rund 70 Prozent der Nachfrage entfallen auf diese drei Bereiche.

Entsprechend nüchtern fallen die gesamtwirtschaftlichen Prognosen aus. Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet ein Wachstum von einem Prozent, ohne echte Trendwende. Das Ifo-Institut liegt mit 0,8 Prozent noch darunter. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit 1,1 Prozent. Alle Zahlen bewegen sich in derselben Größenordnung – und alle deuten auf Stagnation statt Aufbruch hin.

Der Verlust des Exportweltmeistertitels bei Werkzeugmaschinen ist damit mehr als eine statistische Randnotiz. Er steht exemplarisch für einen Industriestandort, der von seiner Substanz lebt, aber zu wenig in seine Zukunft investiert. China hat diese Lücke erkannt und genutzt. Deutschland diskutiert weiter.