WEF: Rutte, Nawrocki und Stubb diskutieren Verteidigungsfähigkeit Europas

Die Frage, ob sich Europa im Zweifel auch ohne die USA verteidigen könnte, dominierte die Debatte zwischen NATO-Generalsekretär Mark Rutte und den Staatschefs von Polen und Finnland. Beide zeigten sich zuversichtlich.

Mark Rutte, Karol Nawrocki und Alexander Stubb bei ihrer Debatte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Foto: Denis Balibouse/Reuters

Mark Rutte, Karol Nawrocki und Alexander Stubb bei ihrer Debatte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Foto: Denis Balibouse/Reuters

Davos. Die USA hätten einst nach dem Ersten Weltkrieg einen Fehler begangen, als sie sich von der Weltbühne zurückzogen, erklärte NATO-Generalsekretär Mark Rutte in Davos. Das starke transatlantische Bündnis, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstand, sei seiner Meinung nach ein Garant für ein sicheres Europa.

Rutte nahm auf dem Weltwirtschaftsforum 2026 gemeinsam mit dem polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb, der Präsidentin der Europäischen Investitionsbank, Nadia Calviño, und dem CEO von Sanofi, Paul Hudson, an einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Kann Europa sich selbst verteidigen?“ teil. Die Ambitionen der USA auf Grönland zwingen Europa mehr denn je, über seine eigene Sicherheit und strategische Rolle nachzudenken.

Rutte: Die NATO bleibt unverzichtbar

Mark Rutte erklärte, die NATO trage dazu bei, Spannungen zwischen Mitgliedstaaten mit historisch belasteten Beziehungen abzubauen. Der Generalsekretär verwies auf Griechenland und die Türkei als Beispiel. Er lehnte es ab, sich zu Donald Trumps Äußerungen zu Grönland zu äußern, um die Entspannung nicht zu gefährden. Zugleich wies er darauf hin, dass die Sicherheit in der Arktis eine Angelegenheit der gesamten Allianz sei.

„Acht Staaten grenzen an die Arktis. Sieben davon sind NATO-Mitglieder: Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark mit Grönland, Island, Kanada und die USA. Der einzige arktische Staat außerhalb der NATO ist Russland“, sagte der frühere niederländische Ministerpräsident. Russland und China seien in der Arktis zuletzt „immer aktiver“ geworden.

Nawrocki: Polen lehnt gemeinsames EU-Vorgehen gegen USA ab

Der polnische Präsident Karol Nawrocki sagte, die Vereinigten Staaten seien der wichtigste bilaterale Partner Polens, und fügte hinzu, die Nähe Warschaus zu Washington sei ein wichtiger Faktor für die Sicherheit des Landes. Er lehnte daher ein gemeinsames Vorgehen Europas gegen die Vereinigten Staaten ab, das die Sicherheit Europas gefährden könnte.

„Auf polnischem Gebiet haben wir 10.000 amerikanische Soldaten“, sagte Nawrocki und betonte, dass Südkorea ein weiterer wichtiger Partner und Lieferant sei. Rutte erwiderte schmunzelnd, Polen habe „auch finnische Panzer“, und spielte damit auf die wachsende Bedeutung neuer und kleinerer Bündnispartner an.

Stubb: Strategische Bedeutung der Nordflanke gewachsen

Der finnische Präsident Alexander Stubb sagte, mit dem NATO-Beitritt seines Landes im Jahr 2023 habe sich die Grenze der Allianz zu Russland nahezu verdoppelt. Damit sei die strategische Bedeutung der Nordflanke deutlich gewachsen. Ähnlich wie der polnische Präsident Karol Nawrocki zog Stubb eine klare Trennlinie zwischen Russland und der „Welt der Demokratie“.

Die Sicherheit in der Arktis sei laut Stubb eine Angelegenheit der gesamten Allianz und werde auch Thema des bevorstehenden NATO-Gipfels in Ankara sein. Die Antwort auf transatlantische Meinungsverschiedenheiten sei jedoch keine Spirale gegenseitiger Strafmaßnahmen, sondern beständige Diplomatie und ehrliche Gespräche. „Mark“ sei dafür am besten geeignet, fügte er mit einem Lächeln hinzu.

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Nawrocki und Stubb: Europa klar verteidigungsfähig

Die Moderatorin der Diskussionsrunde der Deutschen Welle, Sarah Kelly, stellte den Diskussionsteilnehmern die Frage nach der Verteidigungsfähigkeit Europas. Nawrocki antwortete, dass er in Fragen der europäischen Sicherheit „zunächst einmal den polnischen Soldaten vertraue“. Die Europäer seien in der Lage, sich in gegenseitiger Abstimmung innerhalb der NATO zu verteidigen, fügte er hinzu und lobte Trump für seinen „Druck“ zur Erhöhung der Verteidigungsausgaben.

Der finnische Präsident Alexander Stubb sagte, Europa sei „zweifellos“ in der Lage, sich zu verteidigen. Finnland und Polen könnten jeweils 100.000 Soldaten stellen und verfügten gemeinsam über die stärkste Artillerie in Europa. „Kriege werden zwar auf Schlachtfeldern geführt, aber zu Hause gewonnen“, sagte Stubb und fügte hinzu, dass eine robuste zivile Infrastruktur – von der Stromversorgung bis zur Lebensmittelversorgung – Teil der Verteidigung jedes Landes sei. „Kriege werden nicht mit Prozentsätzen, sondern mit Fähigkeiten geführt“, sagte er mit Blick auf die neue Fünf-Prozent-Vorgabe der NATO.

NATO-Generalsekretär Mark Rutte stellte die Frage in den Raum, ob die acht größten Volkswirtschaften der NATO im Jahr 2025 ohne den Druck Donald Trumps – darunter Spanien, Italien und auch Kanada – ihre Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent erhöht hätten, nachdem sie zu Beginn des Jahres kaum 1,5 Prozent betragen hätten. Er fügte hinzu, dass er zwar nicht alles an Trump gutheiße, der Druck der USA unter dessen Führung für die Sicherheit Europas jedoch von Vorteil gewesen sei. Das ultimative Abschreckungsmittel sei jedoch nach wie vor der nukleare Schutzschild, so Rutte.

Der polnische Präsident Karol Nawrocki widersprach. Die Europäische Union brauche Trump nicht. "Polen hat sich nach dem Ersten Weltkrieg gegen die Sowjets und Bolschewiken verteidigt. Finnland hat sich im 20. Jahrhundert gegen die Sowjets und Bolschewiken verteidigt. Die Japaner und Afghanen haben sich gegen die Sowjets und Bolschewiken verteidigt. Daher bin ich überzeugt, dass wir in unseren Ländern zur Verteidigung bereit sind“, so Nawrocki.

NATO-Generalsekretär Rutte wies in dem Zusammenhang darauf hin, dass trotz steigender Verteidigungsausgaben die Produktionskapazitäten fehlten. Die Verteidigungsindustrie sei ein Problem für die gesamte NATO, „sowohl in Europa als auch in den USA“, weshalb Polen „Technologien in Südkorea kaufen muss“.

„Auf die Frage, ob Europa sich selbst verteidigen kann, antworte ich: Ich hoffe, dass wir das nie herausfinden werden“, fügte Nawrocki später hinzu.

Moderatorin Kelly: Ukraine aus dem Fokus geraten?

Moderatorin Sarah Kelly wies darauf hin, dass in der Debatte über die Verteidigung Europas bislang nicht über die Ukraine gesprochen worden sei. Ihrer Ansicht nach zeige das, wie sich der Diskurs zuletzt von aktuellen Kriegsschauplätzen hin zu größeren, globalen Herausforderungen verschoben habe.

Der polnische Präsident Nawrocki bestritt, dass die Ukraine wegen der Aufmerksamkeit für Grönland in den Hintergrund geraten sei. „Man muss sich bewusst machen, dass wir uns mit Russland in einem hybriden Krieg befinden und dass unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung für die Ukraine, zumindest seitens Polens, unverändert bleibt“, sagte er.

Der finnische Präsident Stubb sagte, das Vorgehen Russlands in der Ukraine habe für Putin zu einer strategischen Niederlage geführt. Er nannte die geschätzte Zahl von einer Million russischer Verluste und fügte hinzu, dass Moskau „seinen Einflussbereich“ in Zentralasien verloren habe.

„Der Südkaukasus hat sich aus dem russischen Einflussbereich gelöst, was seit der russischen Expansion in die Region im 19. Jahrhundert nicht mehr vorgekommen ist“, sagte Stubb. Russland könne den Krieg zwar fortsetzen, verliere ihn aber strategisch, während die NATO nicht einmal in den Konflikt eingetreten sei.

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Der finnische Präsident sagte zum Abschluss, die Sicherheitsarchitektur könne zwei Richtungen einschlagen. Die eine sei der Multipolarismus mit rivalisierenden Blöcken, die andere der Multilateralismus mit breiten Allianzen und Diplomatie auf hoher Ebene.

„Wir müssen zugeben, dass der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Multilateralismus nach dem Vorbild des Westens geschaffen wurde. Deshalb müssen wir derzeit beispielsweise den großen Akteuren des globalen Südens Raum geben, denn sonst gleiten wir wieder in einen Multipolarismus ab, in dem sich alle gegenseitig bekämpfen. Und das wollen wir nicht", so Stubb.

Paul Hudson, CEO von Sanofi, erklärte, die eigentliche Herausforderung in diesem Jahrhundert werde China sein, und die europäischen Mächte müssten sich auch auf andere Ausgabenposten als nur die Verteidigung konzentrieren.

(wef, sab)