Gestiegene Gaspreise, verweigertes Fracking - Rückkehr zur Atomkraft als letzte Option?

Leere Gasspeicher, steigende Preise und politische Blockaden stellen Europas Energiepolitik auf die Probe. Der Winter zeigt, wie fragil die Versorgungssicherheit geworden ist.

Das Kernkraftwerk Isar in Bayern, eines der zuletzt stillgelegten deutschen Atomkraftwerke. Foto: Alexandra Beier/Getty Images

Das Kernkraftwerk Isar in Bayern, eines der zuletzt stillgelegten deutschen Atomkraftwerke. Foto: Alexandra Beier/Getty Images

Berlin/Wien. Der Winter bringt nicht nur tiefe Temperaturen, sondern auch eine Rückkehr der Energiefrage in ihrer härtesten Form. Gas wird knapp, Strom teuer, politische Gewissheiten geraten ins Wanken. Jahrelang wurde die Debatte von Klimazielen, Symbolpolitik und moralischer Selbstvergewisserung geprägt. Nun zwingt die physische Realität zur Neubewertung. Energie muss verfügbar sein, jederzeit und in ausreichender Menge – oder sie fehlt.

In Deutschland sind die Gasspeicher nicht einmal mehr zu 41 Prozent gefüllt. Neue Lieferungen landen kaum noch in den Speichern, sondern werden unmittelbar verbraucht. Die Ausspeicherung übersteigt die Einspeicherung deutlich. Gleichzeitig zieht der Preis an: Am europäischen Gasmarkt wurde erstmals seit Monaten wieder die Marke von 40 Euro je Megawattstunde überschritten. Der Preis stieg allein in den vergangenen zwei Wochen um 40 Prozent. In Österreich verschärft ein außergewöhnlich kalter Januar die Lage zusätzlich. Laut ORF-Wetterredaktion liegt die Durchschnittstemperatur bisher um zwei Grad unter dem langjährigen Mittel der Jahre 1991 bis 2020. Jeder Grad weniger erhöht den Heizbedarf um sechs bis acht Prozent – und treibt die Kosten spürbar nach oben. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen.

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Gas: Der verdrängte Engpass

Die deutsche Gasversorgung steht exemplarisch für die strukturellen Schwächen der europäischen Energiepolitik. Seit dem Wegfall russischer Pipeline-Lieferungen wurden neue Bezugsquellen erschlossen, vor allem über LNG-Terminals sowie Lieferungen aus Norwegen. Diese Umstellung hat jedoch ihren Preis. Flüssiggas ist teurer, die Verträge sind kürzer, die Preisschwankungen größer. Vor allem fehlt ein zentraler Puffer: ausreichend gefüllte Speicher.

Die Zahlen sind eindeutig. In den vergangenen Tagen wurden täglich zwischen rund 1.000 und über 2.000 Gigawattstunden Gas ausgespeichert, während die Einspeicherung kaum ins Gewicht fiel. Wirklich kalte Tage kann sich das System nur noch wenige leisten, bevor kritische Marken erreicht werden. Zwar gilt offiziell lediglich die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas, doch die Lage ist angespannter, als es die politische Kommunikation nahelegt.

Hinzu kommt ein strukturelles Paradox: Deutschland verfügt über erhebliche eigene Gasvorkommen, insbesondere Schiefergas. Diese werden aus politischen Gründen nicht gefördert. Fracking bleibt gesetzlich verboten – nicht wegen technischer Unmöglichkeit, sondern aufgrund politischer und ideologischer Ablehnung. Gleichzeitig importiert Deutschland LNG aus den USA, das genau mit jenen Methoden gewonnen wird, die im eigenen Land tabu sind. Die ökologische Bilanz von Fracking-Gas ist dadurch nicht besser, sondern schlechter, schließlich muss es noch importiert werden.

Die neue Abhängigkeit heißt USA

Der Ausstieg aus russischem Gas wurde politisch als Befreiung dargestellt. Tatsächlich hat Europa lediglich den Lieferanten gewechselt. Mehr als ein Viertel der EU-Gasimporte stammt inzwischen aus den USA, bei Flüssiggas liegt der Anteil noch deutlich höher. Rechnet man Norwegen als quasi interne Versorgung, entfallen bis zu 61 Prozent der LNG-Importe auf die Vereinigten Staaten.

Diese Abhängigkeit ist nicht nur ökonomisch riskant, sondern auch geopolitisch heikel. LNG-Verträge sind meist kurzfristig, Preise reagieren rasch auf Marktbewegungen, politische Einflussnahme ist möglich. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos nutzte US-Präsident Donald Trump seine Rede vor allem für eine Generalabrechnung mit der europäischen Energiepolitik. Europa entwickle sich „nicht in die richtige Richtung“, sagte Trump und sprach von einem „green scam“, der Landschaften zerstöre und Energie künstlich verteuere. Windräder seien ein Symbol dieser Fehlentwicklung, während Strom in Europa immer knapper und teurer werde. Deutschland nannte er als Beispiel für die Folgen dieser Politik: Das Land erzeuge heute ein gutes Fünftel weniger Strom als noch im Jahr 2017. Zugleich nahm Trump Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ausdrücklich in Schutz. Dieser habe die Probleme nicht verursacht, sondern arbeite daran, sie zu lösen, und werde „einen großartigen Job“ machen.

Dem europäischen Kurs stellte Trump die US-Strategie gegenüber, die auf niedrige Steuern, hohe Zölle für ausländische Anbieter sowie einen massiven Ausbau fossiler Energien und der Kernkraft setzt. Er habe eine Executive Order unterzeichnet, die den Bau und die Genehmigung zahlreicher neuer Atomreaktoren vorsehe – ein bewusster Kontrast zu Europas Energiepolitik, die aus Sicht Washingtons Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit gleichermaßen gefährdet.

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Atomkraft: Die ungeliebte Konstante

Parallel zur Gaskrise rückt eine andere Frage wieder in den Fokus: die Kernenergie. Neue Zahlen des World Nuclear Industry Status Report zeichnen ein ambivalentes Bild. Weltweit gingen zuletzt mehr Reaktoren vom Netz, als neu in Betrieb genommen wurden. Dennoch bleibt die installierte Leistung mit rund 369 Gigawatt stabil. Der Grund liegt in der höheren Kapazität neuer Anlagen, die ihre Vorgänger deutlich übertreffen.

Vor allem China treibt den Ausbau voran. Mehr als die Hälfte aller weltweit im Bau befindlichen Reaktoren entfällt auf die Volksrepublik. Auch Russland, Indien, die Türkei und Ägypten investieren massiv. In Europa hingegen dominiert das Zögern. Deutschland und Österreich sind ausgestiegen, andere Länder verlängern Laufzeiten oder prüfen eine Rückkehr.

Die Argumentationslage ist komplexer, als sie in politischen Debatten oft dargestellt wird. Kernkraft ist emissionsarm, liefert grundlastfähigen Strom und ist unabhängig von Wetter und Tageszeit. Gleichzeitig ist sie teuer, politisch sensibel und langfristig planungsintensiv. Neubauten dauern häufig länger und kosten mehr als angekündigt, wie das französische Kraftwerk Flamanville zeigt.

Trotzdem bleibt Atomkraft für viele Staaten eine strategische Option – nicht als alleinige Lösung, sondern als stabilisierendes Element im Energiemix. Gerade angesichts steigenden Strombedarfs durch Digitalisierung, Elektromobilität und Wärmepumpen gewinnt diese Frage an Bedeutung.

(Quelle: WNISR/Statement)

Die deutsche Sonderrolle

Deutschland nimmt in dieser Debatte eine Sonderstellung ein. Der vollständige Atomausstieg wurde 2011 nach der Katastrophe von Fukushima beschlossen und später trotz Energiekrise vollzogen. Die letzten drei Kernkraftwerke gingen vor zwei Jahren endgültig vom Netz. Gleichzeitig importiert Deutschland weiterhin Atomstrom aus Frankreich und Tschechien.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kritisiert diesen Widerspruch offen. Er fordert kein Comeback klassischer Großmeiler, sondern zumindest eine offene Prüfung neuer Reaktorkonzepte wie sogenannter Small Modular Reactors. Diese existieren bislang allerdings vor allem auf dem Papier. Ein wirtschaftlich tragfähiges Pilotprojekt ist weltweit noch nicht am Netz.

Unabhängig davon bleibt der Befund: Die deutsche Energiewende leidet unter einem Stabilitätsproblem. Erneuerbare Energien sind günstig und wachsen schnell, liefern aber keinen verlässlichen Strom rund um die Uhr. Gas sollte diese Lücke schließen, wird aber selbst knapp und teuer. Kernenergie wurde ausgeschlossen, eigene Gasförderung politisch verhindert.

Österreich zwischen Realität und Rhetorik

Auch Österreich ist von dieser Gemengelage betroffen. Die Gasspeicher sind deutlich schwächer gefüllt als im Vorjahr, die Preise steigen, die Heizkosten belasten Haushalte zunehmend. Gleichzeitig ist der Handlungsspielraum begrenzt. Fernwärmekunden können ihren Anbieter nicht wechseln, Strompreise bleiben trotz politischer Ankündigungen hoch. Energieberater raten zu Effizienz, Nachtabsenkung und geringeren Raumtemperaturen. Das ist sinnvoll – ersetzt jedoch keine strukturelle Lösung. Effizienz kann Knappheit dämpfen, aber nicht aufheben.

Die Energiepolitik Europas steht an einem Wendepunkt. Die Kombination aus kaltem Winter, niedrigen Speicherständen und steigenden Preisen legt offen, dass Versorgungssicherheit zu lange als nachrangig behandelt wurde. Politische Festlegungen gegen Fracking, gegen Kernenergie und für wachsende Importabhängigkeiten erweisen sich als teuer.

(Quelle: Eurostat/Statement)

Es geht nicht um eine Rückkehr zu fossiler Sorglosigkeit oder um die Aufgabe des Klimaschutzes. Es geht um Realismus. Eine Energiepolitik, die physikalische, ökonomische und geopolitische Faktoren ausblendet, ist keine Politik, sondern Wunschdenken.

Europa muss entscheiden, ob es bereit ist, eigene Ressourcen zu nutzen, technologische Optionen offen zu prüfen und Abhängigkeiten zu reduzieren – oder ob es weiterhin auf symbolische Reinheit setzt und die Kosten an Haushalte und Industrie weiterreicht.