Teheran. Die iranische Wirtschaft gilt heute vielfach als angeschlagen. In den Medien ist wiederholt von hoher Inflation, einer schwachen Währung und massiver Abwanderung von Fachkräften die Rede. Das ist sicherlich wahr.
Die Inflationsentwicklung im Iran in den vergangenen fünf Jahren wirkt aus mitteleuropäischer Perspektive extrem. Als Jahre mit niedriger Inflation gelten dort bereits Phasen, in denen der Preisanstieg lediglich 30 Prozent betrug. Die hohe Teuerung, die auf den ersten Blick wie ein Zeichen wirtschaftlicher Schwäche wirkt, ist jedoch in Wirklichkeit das Ergebnis einer Anpassung an harte Sanktionen. Sie dient als Instrument zum Überleben in einem Umfeld, in dem die üblichen geldpolitischen Transmissionskanäle nicht funktionieren.
Staaten, die als geopolitische Gegner der Vereinigten Staaten gelten, wie Venezuela, Nordkorea oder früher Syrien, unterliegen langfristigen und gezielten Handelssanktionen, die Handel, Finanzen und Zugang zu Kapital systematisch einschränken. Die Maßnahmen sind sehr wirksam und haben tiefgreifende Folgen, die das wirtschaftliche Umfeld, in dem solche Länder agieren, grundlegend verzerren.
Das darf bei der Bewertung der Wirtschaftsleistung nicht übersehen werden. Was in der breiten Öffentlichkeit oft mit Verachtung als Beweis für ein Versagen gilt, ist in Wirklichkeit häufig ein Zeichen von Widerstandsfähigkeit, also der Fähigkeit der dortigen Wirtschaft, unter Bedingungen zu funktionieren, die die meisten offenen Volkswirtschaften auf Dauer nicht aushalten würden.
Genau deshalb sind gewöhnliche Vergleiche mit westlichen Volkswirtschaften sinnlos. Die europäischen Staaten treten in eine Phase des Wachstumsrückgangs mit hoher Verschuldung und strukturellen Defiziten ein – und das ohne jeglichen Sanktionsdruck. Die eigene Leistung mit Volkswirtschaften zu vergleichen, die langfristig unter harten Beschränkungen funktionieren, bedeutet, die grundlegend unterschiedlichen Ausgangsbedingungen zu ignorieren.
Ein zaghafter Aufschwung
Die iranische Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gegenüber internationalen Sanktionen gezeigt. Nach Angaben der Weltbank beschleunigte sich das BIP-Wachstum des Landes in den Jahren 2023 bis 2024 auf fast fünf Prozent.
Zu dem wirtschaftlichen Aufschwung trug vor allem der Ölsektor bei, der um 14,7 Prozent pro Jahr wuchs. Das Wachstum der übrigen Wirtschaft außerhalb des Ölsektors lag bei 3,6 Prozent und wurde vor allem durch den dynamisch wachsenden Dienstleistungssektor getragen.
Der zwölf Tage dauernde Krieg mit Israel im vergangenen Jahr bedeutete faktisch das Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs in Iran. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Wirtschaft des Landes im Jahr 2025 mit einem Wachstum von etwa 0,3 Prozent stagnieren wird. Der Ausblick für die kommenden drei Jahre fällt ähnlich skeptisch aus. Iran wird nicht einmal zwei Prozent Wachstum erreichen.
Angesichts der aktuellen Lage und der anhaltenden Unruhen, die die wirtschaftliche Situation weiter verschlechtern, wäre es keine große Überraschung, wenn das Land in eine Rezession rutschen würde. Eine solche Entwicklung käme ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da das stabile Wachstum begann, das Vertrauen in das Regime zu stärken.
Verzerrte Arbeitsmarktdaten und sinkende Geburtenraten
Eine weitere interessante makroökonomische Kennzahl ist die Arbeitslosenquote. Auf den ersten Blick scheint alles in Ordnung zu sein. Der iranische Arbeitsmarkt wirkt mit einer Quote von unter acht Prozent relativ stabil. Das Bild ist jedoch stark verzerrt. Die erwerbstätige Bevölkerung erreicht nur 40 Prozent. In den Ländern der Europäischen Union liegt die Erwerbsquote bei etwa 70 bis 75 Prozent, in den Vereinigten Staaten bei über 60 Prozent.
Auf dem iranischen Arbeitsmarkt sind aus religiösen Gründen nur 14 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter berufstätig. Zudem besteht mehr als ein Drittel der Bevölkerung aus jungen Menschen unter 25 Jahren, von denen viele derzeit studieren. Die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen liegt bei über 20 Prozent.
Die iranische Gesellschaft ist nicht so konservativ, wie es auf den ersten Blick wirken mag. Die Zeiten, in denen eine iranische Frau im Schnitt vier Kinder hatte, sind längst vorbei. Bei einer so hohen Geburtenrate war es normal, dass Frauen nicht am Arbeitsmarkt teilnahmen. Im Iran sank die Geburtenrate jedoch bereits 2001 auf unter zwei Kinder pro Frau.
Im Jahr 2012 versuchte die Regierung, die Geburtenrate massiv zu fördern. Die Bemühungen blieben jedoch nur begrenzt wirksam. Zwar stieg die Geburtenrate zwischen 2015 und 2017 leicht auf über zwei Kinder pro Frau, näherte sich später jedoch wieder dem aktuellen Wert von 1,7 an. In einer Situation, in der Familien nicht mehr kinderreich sind, verliert der Iran die demografische Erklärung für die extrem geringe wirtschaftliche Beteiligung von Frauen – und damit einen bedeutenden Teil des Humankapitals im produktiven Alter.

Bildungsgroßmacht unter Sanktionen
Die iranische Wirtschaft unterscheidet sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von Venezuela oder Nordkorea, die ebenfalls langfristigen Sanktionen unterliegen. Das Land verfügt über deutlich mehr Humankapital und eine robustere industrielle Basis.
Zieht man zusätzlich die persische Kultur in Betracht, die seit langem auf die Entwicklung mathematischer und technischer Wissenschaften ausgerichtet ist, überraschen die folgenden Zahlen nicht. In Iran schließen jährlich mehr als 230.000 Ingenieure ihr Studium ab. Das Land kann sich damit zu Recht zu den Ingenieursgroßmächten zählen und belegt im weltweiten Ranking der neuen Ingenieursabsolventen den fünften Platz hinter China, Indien, Russland und den Vereinigten Staaten.
Die Zahl der Ingenieure lässt sich technokratisch als Versprechen für künftige technische Innovationen lesen. Das ist möglich, greift jedoch zu kurz. Der Anstieg der Zahl der Ingenieure kann auch als Indikator für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen verstanden werden.
Die hohe Zahl der Absolventen technischer Studiengänge zeigt, dass Bildung in breite Schichten der Gesellschaft vorgedrungen ist und nicht mehr nur einer kleinen Elite vorbehalten bleibt. Eine zugänglichere Bildung erhöht die soziale Gleichheit und stärkt zugleich das kognitive Potenzial der gesamten Gesellschaft.
Problem Braindrain
Ein großes Problem, das selbst das iranische Regime nicht lösen konnte, bleibt der Braindrain. Mehr als 110.000 Forscher iranischer Herkunft arbeiten heute außerhalb des Heimatlandes an ausländischen Universitäten und Forschungsinstituten.
Die iranische Wirtschaft lässt sich daher weder auf eine einfache Geschichte des Zusammenbruchs noch auf einen Beweis für das Scheitern der Modernisierung reduzieren. Vielmehr handelt es sich um eine Wirtschaft mit hohem menschlichen und kognitiven Potenzial, die gezwungen ist, unter langfristigen Einschränkungen zu funktionieren. Trotz der Beschränkungen entsteht im Iran eine neue soziale Schicht junger, gebildeter Menschen mit technischer Ausbildung.
Die künftige Entwicklung Irans wird daher nicht nur von Sanktionen, makroökonomischen Indikatoren oder einer möglichen militärischen Intervention von außen abhängen, sondern vor allem von der Haltung der neuen gebildeten Generation.
Die entscheidende Frage bleibt, ob die Jüngeren langfristig bereit sein werden, den derzeitigen institutionellen Rahmen zu akzeptieren, der ausländisches Kapital fernhält und wirtschaftliche Entfaltung bremst, oder ob sie eine Umgestaltung hin zu einem durchlässigeren System verlangen werden. In diesem Sinne steht das iranische Regime nicht nur gegen den Westen, sondern vor allem gegen die eigene modernisierte Gesellschaft.