Iranisches Öl fließt still auf dem Schattenmarkt

Die amerikanischen Sanktionen haben den Export iranischen Öls nicht gestoppt, sondern in andere Bahnen gelenkt. Das schwarze Gold wird mit einem Preisnachlass an einen begrenzten Kreis von Abnehmern außerhalb des offenen Marktes verkauft.

Illustrationsfoto. Foto: UPI/Bettmann Archive/Getty Images

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Teheran. Der Iran erlebt die schwerste innenpolitische Krise seit Jahren. Die Währung bricht ein, Proteste haben Hunderte von Städten erfasst, und das Regime antwortet mit Gewalt. Trotzdem hat sich der Preis für Brent-Öl kaum bewegt. Die Ruhe ist kein Zeichen von Stabilität, sondern das Resultat eines Sanktionsparadoxons.

Iranisches Öl wurde weitgehend aus dem freien globalen Handel ausgeschlossen. Obwohl Produktions- und Exportmengen in den vergangenen Jahren gestiegen sind, ist iranisches Öl nicht auf den offenen Markt zurückgekehrt, wo es den Preis direkt beeinflussen könnte. Stattdessen fließt es mit einem Preisnachlass an einen begrenzten Kreis von Abnehmern durch enge, undurchsichtige Kanäle.

Das Ergebnis ist eine seltsame Asymmetrie. Der Iran exportiert heute fast rekordverdächtige Mengen an Öl, ohne einen entsprechenden Einfluss auf die globalen Preise zu haben. Sein Öl wirkt sich indirekt auf den Markt aus. Es dämpft die Nachfrage in anderen Förderregionen, verbessert die Margen ausgewählter Raffinerien und verlagert die Preisspannungen in die Schattenbereiche des Marktes, wo sie sich nicht auf die Rohstoffpreise auswirken.

Die Ruhe auf dem Ölmarkt ist also nur scheinbar. Ein militärisches Vorgehen der USA gegen den Iran würde die gesamte Situation rasch verändern.

Das iranische Öl hat seine eigene Geschichte, die man verstehen muss. Nicht weil es heute einen direkten Einfluss auf den Ölpreis hat, sondern weil sein Fluss, sein Preis und seine Abnehmer viel mehr von der Geopolitik als vom Markt bestimmt werden.

Historischer Niedergang und aktuelle Position

Die goldenen Zeiten des iranischen Öls sind unwiederbringlich vorbei. Noch 1974 lag der Iran unter den Förderländern des schwarzen Goldes an dritter Stelle hinter den USA und Saudi-Arabien, aber vor Russland. Die damalige Produktion belief sich auf mehr als sechs Millionen Barrel pro Tag. Die heutige Produktion von iranischem Öl liegt etwa bei der Hälfte dieses Niveaus und entspricht rund vier Prozent der weltweiten Produktion. Damit ist der Iran neben dem Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Brasilien und China eine mittlere Ölmacht.

Der Iranische Ölexport deckt vier Prozent des Welthandels ab; Grafik Quelle: IMF via St. Louis Fed FRED/ Statement

Eine Besonderheit des iranischen Öls sind die niedrigen Förderkosten. Diese werden auf etwa zehn Dollar pro Barrel geschätzt, was mit Saudi-Arabien vergleichbar ist. Zum Vergleich: Die Förderkosten für amerikanisches oder kanadisches Öl liegen bei etwa 40 bis 60 Dollar pro Barrel. Die Förderung von iranischem Öl gehört damit zu den lukrativsten weltweit – im Gegensatz zu Venezuela, wo die Kosten deutlich höher sind.

Ein weiterer Vorteil des Iran liegt in der Vielfalt seiner Ölproduktion: Auf seinem Territorium befinden sich sowohl Leicht- als auch Schwerölvorkommen.

Die Geschichte der iranischen Ölindustrie dreht sich jedoch nicht nur um natürliche Ressourcen, technologische Möglichkeiten und eine angemessene Infrastruktur. Ein wesentlicher Aspekt sind die amerikanischen Sanktionen gegen iranische Exporte, insbesondere gegen iranisches Öl. Hier kommt der politische Aspekt der Geschichte ins Spiel. Der wesentliche Unterschied zwischen der Politik der Regierung von Barack Obama und der ersten Regierung von Donald Trump lag gerade in der Politik gegenüber dem Iran.

Obama bemühte sich systematisch um eine Lockerung der Sanktionen im Austausch für eine Einschränkung des iranischen Atomprogramms, was 2015 zu einem Atomabkommen führte. Die Trump-Regierung trat jedoch 2018 von dem Deal zurück und führte strengere Sanktionen ein, darunter Beschränkungen für den Export von iranischem Öl.

In den Jahren 2019 bis 2020 brachen die iranischen Ölexporte praktisch zusammen. Das Land exportierte nur etwa 0,4 bis 0,5 Millionen Barrel pro Tag, was etwa 16 bis 23 Prozent der damaligen Produktion entsprach. Die Exporte machten somit weniger als ein Viertel der Ölproduktion aus.

Hier zeigt sich, wie schwer die Frage zu beantworten ist, wie viel Öl der Iran derzeit maximal produzieren kann. Der Iran muss keine neuen Förderkapazitäten aufbauen, da er weiß, dass er Probleme hat, sein Öl zu verkaufen. Sollte jedoch das Regime stürzen und das gesamte iranische Öl auf den freien Markt gelangen, könnte der Preis deutlich sinken - vorausgesetzt, die OPEC-Länder würden einer Erhöhung der Förderobergrenzen für den Iran zustimmen. Doch das greift der weiteren Entwicklung vor.

Eine Vernunftehe

Das iranische Regime hat jedoch einen Ausweg aus der Krise gefunden. Dabei half ihm die Unentschlossenheit der Biden-Regierung, die zwar formal die Politik Trumps fortsetzte, aber die Sanktionen der USA faktisch nicht durchsetzte. So konnte der Iran nach und nach seine Handelsbeziehungen zu China ausbauen.

Heute gehen 90 bis 95 Prozent des iranischen Öls nach China. 2024 importierte China über 533 Millionen Barrel iranisches Öl, was etwa 13 bis 14 Prozent seiner gesamten Ölimporte ausmacht. In den vergangenen zwei Jahren ist China dadurch strukturell von iranischem Öl abhängig geworden. Diese Abhängigkeit hat sich zuletzt noch verstärkt, da Venezuela sein Schweröl nicht mehr nach China liefern wird. Gerade der Iran kann diesen Ausfall kompensieren. Sollte der Fluss des iranischen Öls jedoch zum Erliegen kommen, stünde Peking aus mehreren Gründen vor einem großen Problem.

Die Allianz zwischen China und Iran wird oft als Bündnis gegen einen gemeinsamen Feind, die Vereinigten Staaten, verstanden. Diese Sichtweise ist jedoch irreführend. Das kommunistische Regime Chinas ist ideologisch wie institutionell weit vom theokratischen System Irans entfernt, und die Beziehungen beider Länder zu den USA unterscheiden sich deutlich – sowohl in ihrer Intensität als auch in ihrer Art.

Pragmatismus statt Ideologie

Während der Iran seine Feindschaft gegenüber den USA als Teil seiner eigenen Identität und der Legitimität seines Regimes definiert, geht China überwiegend pragmatisch mit Washington um. Die Vereinigten Staaten sind für Peking gleichzeitig ein strategischer Rivale, ein wichtiger Handelspartner und eine Quelle technologischen Drucks. Konfrontation ist für China ein Mittel zum Zweck, nicht das Ziel.

Der gleiche Pragmatismus prägt auch Chinas Verhältnis zu Iran. Peking respektiert die Sanktionen formal, zumindest so weit, dass staatliche Unternehmen nicht direkt am Handel mit iranischem Öl beteiligt sind. Der Ölfluss wurde dadurch nicht gestoppt. Der Iran bietet China sein Öl sieben bis zwölf Dollar pro Barrel unter Marktpreis an. China verarbeitet es in Raffinerien, für die das Geschäft von strategischer Bedeutung ist. Der Verlust der billigen Lieferungen wäre ein schwerer Schlag für die chinesische Raffinerieindustrie.

Selbst ein erfolgreicher Sturz des iranischen Regimes durch eine amerikanische Operation wäre keine Garantie für Stabilität in der Region. Darin liegt die große Schwäche jedes Plans zur Beseitigung der bestehenden Ordnung. Die multiethnische und multikonfessionelle Zusammensetzung der iranischen Bevölkerung gleicht einem mit Dynamit gefüllten Fass. In Kombination mit dem enormen Reichtum an schwarzem Gold steigt die Wahrscheinlichkeit einer regionalen Explosion erheblich.

Das erklärt auch die zurückhaltende Haltung der arabischen Ölmonarchien in der Region gegenüber jeder amerikanischen Intervention. Ein erfolgreicher Eingriff würde Druck auf die Ölpreise nach unten erzeugen, ein gescheiterter das Risiko einer Eskalation erhöhen – von einer Störung der Straße von Hormus bis hin zu Angriffen auf die regionale Energieinfrastruktur. In beiden Fällen würden die Kosten die potenziellen Gewinne überwiegen.

Solange iranisches Öl dem offenen Markt entzogen bleibt, hat die interne Krise keinen nennenswerten Einfluss auf den Preis. Die tatsächlichen Folgen wären erst dann zu spüren, wenn sich die Lage grundlegend ändert.