Wien/Damaskus. Die Sicherheitslage im Nordosten Syriens hat sich in den vergangenen Tagen dramatisch verschlechtert: Berichte über einen massenhaften Ausbruch von Mitgliedern der Terrormiliz Islamischer Staat aus einem Gefängnis wurden mittlerweile bestätigt. Islamistische Terroristen könnten nun erneut nach Europa unterwegs sein.
Das auch mit 19,3 Millionen Euro aus österreichischem Steuergeld unterstützte Regime in Syrien kann eine gefährliche Entwicklung nicht stoppen: Das Land erlebt erneut eine militärische Eskalation, institutionellen Machtverlust und ein Wiedererstarken dschihadistischer Strukturen.
Nach Angaben des syrischen Innenministeriums sollen im Ort al-Schaddadi 200 inhaftierte IS-Mitglieder aus einem Gefängnis entkommen sein. Regierungstruppen hätten daraufhin eine großangelegte Suchaktion gestartet. Dabei konnten jedoch nur etwa 80 der Entkommenen wieder festgenommen werden.
Kontrolle über mehrere Haftanstalten verloren?
Unabhängige Beobachter zeichnen jedoch ein deutlich düstereres Bild, berichtet dazu die WELT. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte spricht von einem Ausbruch „in großem Ausmaß“, während die kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) sogar von bis zu 1.500 entflohenen Kämpfern berichten. Ihren Angaben zufolge sei die Kontrolle über mehrere Haftanstalten vollständig verloren gegangen.
Die SDF machen Verbündete der Regierung in Damaskus für die Eskalation verantwortlich. Trotz eines erst kürzlich verkündeten Waffenstillstands seien mehrere Gefängnisse im Nordosten angegriffen worden, in denen IS-Angehörige festgehalten wurden. Diese Angriffe hätten die Sicherheitsstrukturen zusammenbrechen lassen. Die kurdischen Milizen warnten eindringlich, dass die Situation eine massive Bedrohung darstelle. „Die Gefahr wächst deutlich“, erklärten sie und warnten vor einer Rückkehr zu Chaos und Terrorismus, sollte die Kontrolle über die Haftanstalten endgültig verloren gehen.
US-Streitkräfte bringen 7.000 IS-Terroristen in den Irak
Besonders brisant ist die Lage, weil die SDF über Jahre hinweg der wichtigste lokale Verbündete der USA im Kampf gegen den IS waren. Sie hatten Tausende Dschihadisten in Gefängnissen untergebracht, oft unter prekären Bedingungen und mit begrenzten Ressourcen. Der jüngste Vormarsch der Regierungstruppen in den Nordosten Syriens hat dieses fragile Gleichgewicht offenbar zerstört. Unterstützt wird Damaskus dabei von arabischen Stammesmilizen, was die ethnischen und politischen Spannungen zusätzlich verschärft.
Die US-Streitkräfte haben nun eine Operation gestartet, um bis zu 7.000 mutmaßliche IS-Mitglieder (einschließlich Kämpfer und Angehörige) aus Haftanstalten im Nordosten Syriens in sichere Einrichtungen im Irak zu verlegen. Die Aktion begann am 21. Januar 2026 und dient laut offiziellen Angaben der Verhinderung von weiteren Massenausbrüchen, die durch die zunehmende Instabilität in der Region bedroht sind.
Verhandlungen über Waffenstillstand
Eigentlich hatte die Regierung von Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa am Sonntag einen Waffenstillstand mit den SDF angekündigt, nachdem es sowohl im Nordosten als auch in der Stadt Aleppo zu schweren Gefechten gekommen war. Doch schon kurz darauf meldeten beide Seiten neue Angriffe, Tote und Verletzte. Die kurdische Führung erklärte daraufhin, die Verhandlungen mit Damaskus seien „vollständig gescheitert“.
Die Sorge vor einer Wiederbelebung des IS ist begründet: Zwar gilt die Terrormiliz militärisch als besiegt, doch Schätzungen zufolge sind in Syrien und im benachbarten Irak noch bis zu 2.500 aktive Kämpfer im Untergrund tätig. Sie verüben weiterhin Anschläge und warten auf günstige Gelegenheiten, um an Einfluss zu gewinnen. Die aktuelle Instabilität könnte ihnen genau diese Chance bieten.
Der IS hatte 2014 weite Teile Syriens und des Iraks erobert und zeitweise etwa ein Drittel Syriens sowie 40 Prozent des irakischen Staatsgebiets kontrolliert. Erst durch eine internationale Militärkoalition unter Führung der USA wurde das sogenannte Kalifat zerschlagen.
Islamistischer Terror forderte in Europa bereits 500 Todesopfer
Der IS hat Europa seit elf Jahren mit einer Welle von Terror überzogen, die vor allem 2015 bis 2017 ihren Höhepunkt erreichte. Insgesamt starben mehr als 500 Menschen bei IS-bezogenen Anschlägen. Seitdem ist die Bedrohung durch kleinere, aber weiterhin tödliche Einzeltaten und vereitelte Anschläge präsent – vor allem durch IS-inspirierte Radikale oder den Ableger IS-Khorasan.
IS-Terroristen töteten in Wien und Villach
Auch der Attentäter des Terroranschlags in Wien vom 2. November 2020 hatte einen direkten Bezug zum Islamischen Staat (IS). Der Täter hieß Kujtim Fejzulai (damals 20 Jahre alt, österreichischer Staatsbürger mit nordmazedonischen Wurzeln) und wurde von den österreichischen Behörden als IS-Sympathisant und islamistischer Terrorist eingestuft.
Fejzulai war bereits 2019 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt worden: Er hatte versucht, nach Syrien auszureisen, um sich dem Islamischen Staat anzuschließen. Dafür erhielt er 22 Monate Haft, wurde aber im Dezember 2019 auf Bewährung entlassen. Kurz vor dem Anschlag am 2. November 2020 postete er auf Instagram Fotos von sich mit Waffen und leistete darin öffentlich einen Treueeid (Bay'a) an den damaligen IS-Führer Abu Ibrahim al-Hashimi al-Qurashi. Dabei nannte er sich selbst Abu Dujana al-Albani.

Nur einen Tag nach der Tat beanspruchte der Islamische Staat am 3. November 2020 den Anschlag offiziell über seine Propaganda-Agentur Amaq News Agency für sich. Der IS veröffentlichte ein Video, in dem Fejzulai mit seinen Waffen posiert und erneut seinen Treueeid leistet. Darin wird er als Soldat des Kalifats bezeichnet. Die Terrorgruppe beschrieb den Angriff als Rache an Kreuzfahrern und feierte die Tat als Erfolg.
Ebenso hat sich der Attentäter von Villach vom 15. Februar 2025 eindeutig und öffentlich zum Islamischen Staat bekannt. Der Täter war ein 18-jähriger österreichischer Staatsbürger mit bosnischen Wurzeln namens Amir S. – die vollständige Identität wurde von den Behörden wegen des jungen Alters nur teilweise veröffentlicht. Am 15. Februar 2025 tötete er in Villach (Kärnten) einen 15-jährigen Schüler mit mehreren Messerstichen und verletzte zwei weitere Personen schwer.
Auch Bataclan-Attentäter kamen über Österreich nach Paris
Bei kaum vorhandenen Kontrollen der österreichischen Staatsgrenzen könnten nun viele der aus syrischen Haftanstalten geflohenen IS-Terroristen über die Balkan-Route nach Österreich einsickern - oder auch zu ihren islamistischen Communitys in Deutschland oder Frankreich weiterreisen.
Dafür lieferten bereits die Täter des Terrormassakers von Bataclan in Paris im November 2015 ein Beispiel: Zwei, möglicherweise bis zu fünf der Attentäter, die damals insgesamt 130 Menschen ermordeten, waren über die Balkanroute und damit über Österreich nach Paris gereist. Darauf deutete eine Äußerung der Pariser Staatsanwaltschaft hin. Wenig später bestätigten die österreichischen Behörden sogar eine Fahrzeugkontrolle der Islamisten in Oberösterreich. Fingerabdrücke zweier der drei Attentäter vor dem Stade de France seien bereits am 3. Oktober bei der Einreise nach Griechenland registriert worden.
Angesichts des nach wie vor nicht funktionierenden Außenschutzes der europäischen Grenzen muss damit gerechnet werden, dass sich erneut Kämpfer des IS als vermeintliche Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen und sich dank der Freizügigkeit innerhalb der EU ohne große Hürden in allen Ländern frei bewegen können. Die Terrorgefahr für Europa steigt damit proportional zur Instabilität Syriens.