Kürzere Sommerferien für junge Migranten ohne Deutschkenntnisse

Mehr als die Hälfte der Wiener Schüler spricht zu schlecht Deutsch. Nun soll eine verpflichtende Sommerschule die Bildungskrise lindern. Verweigerern drohen hohe Geldstrafen.

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Tomáš Baršváry / Midjourney

Das illustrative Foto wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt. Foto: Tomáš Baršváry / Midjourney

Wien. Im Nationalrat haben alle Fraktionen außer der FPÖ die neuen Bestimmungen zur Sommerschule beschlossen - sie sind Teil eines Schulrechtspakets, das auch eine Reihe von weiteren Gesetzesänderungen vorsieht. Künftig müssen alle Kinder und Jugendlichen, die eine Deutschförderklasse besuchen, während der Sommerferien an diesem Zusatzunterricht teilnehmen.

Ziel der Maßnahme ist es, gravierende Sprachdefizite früher und nachhaltiger abzubauen, insbesondere in Ballungsräumen wie Wien, wo die Herausforderungen seit Jahren zunehmen.

Der Beschluss im Österreichisches Parlament hat weitreichende Folgen. Allein in Wien werden zunächst 10.000 Schüler von der neuen Regelung erfasst, in einem weiteren Schritt sollen es zusätzlich etwa 9.000 sein. Wer der Teilnahme an der Sommerschule nicht nachkommt, muss künftig mit empfindlichen Konsequenzen rechnen: Vorgesehen sind Verwaltungsstrafen von bis zu 1.000 Euro, wenn Erziehungsberechtigte ihre Kinder trotz Verpflichtung nicht anmelden oder fernbleiben lassen.

Mit der Ausweitung wächst auch der organisatorische Druck auf das Bildungssystem: Bereits im vergangenen Sommer nahmen in Wien mehr als 10.600 Kinder an der Sommerschule teil. Der Unterricht fand an 93 Standorten in insgesamt 943 Gruppen statt. Um dieses Angebot aufrechtzuerhalten, waren mehr als 700 Pädagogen, 200 Lehramtsstudenten sowie zusätzliche Betreuungspersonen im Einsatz. Für die künftig deutlich höhere Zahl an Teilnehmern müssen nun weitere Lehrer gefunden werden, darunter auch Fachkräfte für Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache sowie pensionierte Pädagogen.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) erklärte, er wolle beim Personal notfalls zu außergewöhnlichen Maßnahmen greifen. Sollte es nicht gelingen, genügend Freiwillige zu finden, könnten Lehrkräfte verpflichtet werden, während der Sommerferien in der Sommerschule zu unterrichten. Die Ankündigung kommt bei der Lehrergewerkschaft nicht gut an.

Die Gewerkschaft sieht die Entwicklung ohnehin kritisch: Zwar sei zusätzliche Sprachförderung grundsätzlich sinnvoll, doch der Fokus auf den Sommer greife aus ihrer Sicht zu kurz. Mehr Sommerschule bedeute automatisch einen höheren Bedarf an Räumlichkeiten, Lehrkräften und organisatorischer Unterstützung. Nachhaltiger wäre es, die Sprachförderung stärker in den regulären Schulalltag zu integrieren und dort zusätzliche Ressourcen bereitzustellen, anstatt Defizite in den Ferien aufholen zu wollen.

In Wien können 50,9 Prozent der Schüler zu schlecht Deutsch

Aktuelle Zahlen zeigen, wie groß das Problem insbesondere in Wien geworden ist: Mit Stichtag 1. Oktober 2025 galten an öffentlichen Volksschulen 50,9 Prozent der Schulanfänger als sogenannte außerordentliche Schüler, weil ihre Deutschkenntnisse für den Unterricht nicht ausreichten. 2020 lag dieser Anteil bei 41 Prozent.

Auffällig ist dabei, dass die Mehrheit dieser Kinder in Österreich geboren wurde: Knapp 60 Prozent der betroffenen Schulanfänger geben Österreich als Geburtsland an, ein Viertel besitzt die österreichische Staatsbürgerschaft.

Bereits im Kindergarten zeichnet sich diese Entwicklung ab. Im Kindergartenjahr 2024/25 wurde bei mehr als 16.800 Kindern ein Deutschförderbedarf festgestellt. Rund ein Drittel von ihnen erhielt allerdings keine gezielte Sprachförderung. Die verpflichtende Sommerschule soll nun zumindest einen Teil dieser Lücke schließen. Ob sie langfristig ausreicht, um die wachsenden Sprachprobleme in den Griff zu bekommen, bleibt jedoch offen.