Misshandelte Frauen leiden oft jahrelang still unter den Folgen häuslicher Gewalt. Mit jedem Angriff werden sie psychisch und körperlich weiter geschwächt, häufig ohne dass ihr Umfeld die Spuren erkennt.
Aggressive Partner können so schwere neurologische Schäden und Hirnverletzungen verursachen, ohne dass äußerliche Anzeichen sichtbar sind. Gewalt in Paarbeziehungen hat damit verheerende Folgen für die körperliche, geistige und kognitive Gesundheit der Betroffenen.
Häusliche Gewalt richtet sich gegen Männer wie Frauen. Das weibliche Geschlecht ist jedoch deutlich häufiger betroffen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation hat fast jede dritte Frau weltweit im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Partner oder anderen Täter erfahren.
„Er hat mich von hinten auf den Kopf geschlagen.“ „Aus Eifersucht hat er mich gegen die Wand geschmissen.“ „Er hat ein Glas nach mir geworfen.“ Solche Sätze stammen von Frauen, die bei den ersten aggressiven Handlungen ihres Partners hoffen, dass es ein einmaliger Ausrutscher bleibt. Oft fällt es ihnen schwer, eine gewalttätige Beziehung zu verlassen.
Lernschwierigkeiten und psychomotorische Probleme
Eine australische Studie unter Leitung von Georgia Symons, Neurowissenschaftlerin an der Monash University in Melbourne, zeigt, dass häusliche Gewalt in Verbindung mit Schlägen auf den Kopf oder Würgen mit vorübergehender Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr bei Frauen zu chronischen Hirnschäden führen kann – ähnlich wie bei Sportlern.
Im Rahmen der Studie verglichen die Forscher 146 Frauen, die in ihrer Partnerschaft gefährliche körperliche Gewalt erlebt hatten, mit Frauen ohne entsprechende Erfahrungen.
Die Untersuchung ergab, dass Betroffene, die durch Schläge auf den Kopf oder Würgen mehrere Hirnverletzungen erlitten hatten – verbunden mit Benommenheit, Verwirrung bis hin zum Bewusstseinsverlust –, schlechtere Lernergebnisse, langfristigen Gedächtnisverlust und größere Probleme bei den psychomotorischen Fähigkeiten aufwiesen als Frauen ohne entsprechende Gewalterfahrungen durch einen Partner.
Wie Symons berichtet, wurden im Rahmen der Forschung deutliche Ähnlichkeiten mit Hirnverletzungen festgestellt, wie sie auch bei Sportlern auftreten. Die Neurowissenschaftlerin verweist auf Mechanismen der Hirnschädigung, die jenen ähneln, die mit chronischer traumatischer Enzephalopathie (CTE) in Verbindung gebracht werden.
CTE gehört zu den neurodegenerativen Erkrankungen, die als Folge wiederholter Schläge auf den Kopf mit häufigen Gehirnerschütterungen entstehen. Solche Verletzungen verursachen laut Experten lang anhaltende Veränderungen im Hirngewebe, wobei es vor allem zu einer übermäßigen Ablagerung des krankhaften Tau-Proteins kommt, das die Nervenzellen schädigt. Die Symptome treten oft erst viele Jahre nach der letzten Hirnverletzung auf.
Gehirn von Opfern häuslicher Gewalt leidet wie der Kopf eines Boxers
1928 beschrieb der amerikanische Arzt Harrison Martland das spätere CTE erstmals als „Punch-Drunk-Syndrom“ bei ehemaligen Boxern. In der Folge brachte man die Erkrankung auch mit anderen Kontaktsportarten wie American Football, Kampfsport oder Eishockey in Verbindung. Darüber hinaus erkannte man CTE bei Soldaten - sowie bei Opfern wiederholter häuslicher Gewalt.
Über langfristige Hirnschäden infolge von Partnerschaftsgewalt spricht auch Reidar Lystad, Wissenschaftler am Australian Institute for Health Innovation. Er bestätigt, dass nicht nur Sportler und Kriegsveteranen, sondern auch Opfer häuslicher Gewalt zu den Hauptrisikogruppen für die Krankheit gehören.
„Das Risiko steigt nicht nur für chronische traumatische Enzephalopathie, sondern auch für andere Formen der Demenz“, sagt Lystad mit Blick auf spätere Stadien, die mit schweren Störungen des Gedächtnisses und anderer kognitiver Funktionen einhergehen.
Die klinischen Symptome der Krankheit sind vielfältig. Typisch sind Gedächtnisstörungen, Lernschwierigkeiten, Angstzustände, Depressionen, Apathie sowie starke Stimmungsschwankungen wie Reizbarkeit und Wutausbrüche. Bei manchen Betroffenen kommen Bewegungsstörungen, Zittern oder unverständliche Sprache hinzu. CTE ist zudem häufig mit einem erhöhten Risiko für Suizidgedanken und der Entwicklung von Suchterkrankungen verbunden.
Wie Experten aus der Neurologie betonen, treten die Folgen nicht nach einem einzelnen Schlag auf, sondern erst nach wiederholter Gewalteinwirkung.
Das Gehirn nach anhaltender Misshandlung
In einer australischen Studie schnitt die Gruppe von Frauen mit mehr als sechs Verletzungen bei Gesundheitsanamnese, Gedächtnistests, Lernfähigkeit, Denkgeschwindigkeit, Informationsverarbeitung und den Steuerungsfähigkeiten des Gehirns am schlechtesten ab.
Je höher die Zahl der Gehirnerschütterungen, Schläge auf den Kopf oder Würgegriffe war, desto größer fiel das Risiko kognitiver Probleme aus. Einige davon hielten bei den Opfern auch sechs Monate nach der Verletzung noch an. Auf dieser Grundlage bestätigte die australische Studie, dass es sich nicht nur um Folgen von Traumata oder Stress handelt, sondern um eine tatsächliche neurologische Schädigung.
Zuverlässige Diagnose erst nach dem Tod
Laut Experten lässt sich CTE derzeit erst nach dem Tod zuverlässig diagnostizieren, wenn bei einer Autopsie im Gehirngewebe die für die Krankheit typischen Veränderungen nachgewiesen werden. Zugleich geht die Forschung nach verlässlichen Markern für eine Diagnose zu Lebzeiten intensiv voran – etwa mithilfe moderner Bildgebungsverfahren wie der PET-Untersuchung (Positronen-Emissions-Tomographie), mit der Ablagerungen des pathologischen Tau-Proteins im Gehirn sichtbar gemacht werden sollen.
Studien zeigen, dass Opfer häuslicher Gewalt zwar häufig in die Notaufnahme kommen, in etwa drei Viertel der Fälle jedoch nicht als Gewaltopfer erkannt werden. Ein Großteil verschweigt die Ursache oder erklärt die Verletzungen mit einem Sturz oder Unfall.
Laut den Untersuchungen würden sich mehr Betroffene trauen, die Wahrheit zu sagen, wenn Ärzte direkt und in geschützter Weise nachfragen und konkrete Hilfe anbieten. Auch Krankenschwestern und Pflegekräfte spielen eine wichtige Rolle, da sie mehr Zeit mit den Patienten verbringen und sie oft zu Untersuchungen begleiten, etwa zu einem CT des Kopfes oder zu neurologischen Tests. Dadurch können sie Anzeichen von Gewalt erkennen oder Informationen aufnehmen, die der Patient dem Arzt gegenüber nicht erwähnt.
Sportverletzungen erkennt man – häusliche Gewalt oft nicht
Nicht jedes Opfer häuslicher Gewalt überlebt oder sucht medizinische Hilfe auf. Daher werden nicht alle betroffenen Frauen untersucht und diagnostiziert. Im Gegensatz zu Sportlern bleiben ihre Verletzungen oft unentdeckt.
Mit anderen Worten: Während Sportler unter ständiger ärztlicher Aufsicht stehen und oft auch mediale Aufmerksamkeit erhalten, haben Opfer von Gewalt ohne medizinische Behandlung niemanden, der ihre Verletzungen dokumentiert.
Da Gehirnerschütterungen und Schläge auf den Kopf meist mit Verkehrsunfällen, Stürzen oder Sport assoziiert werden und weniger mit Gewalt in Paarbeziehungen, leben viele Frauen jahrelang mit nicht diagnostizierten Gedächtnis-, Konzentrations- und Lernstörungen. Diese werden dann fälschlicherweise allein auf psychische Traumata oder „persönliche Versäumnisse“ zurückgeführt.
Unbehandelte kognitive Folgen können den Betroffenen die Arbeit, die Ausbildung oder die Elternschaft erschweren und zugleich die Anfälligkeit für weitere Gewalt erhöhen.
Um langfristige Folgen zu vermeiden, halten Neurologen eine frühzeitige Diagnose und Behandlung für erforderlich. Laut der erwähnten Studie sollten medizinische Fachkräfte auch dann auf Hirnverletzungen achten, wenn äußerlich keine Schäden sichtbar sind.
Und wie bei Sportlern muss auch bei Patienten, die Gewalt in Beziehungen erfahren, nach einer bestätigten Hirnverletzung eine angemessene Behandlung erfolgen.