Risikobild 2026: Bundesheer warnt vor Drohnen-Angriff auf Song Contest in Wien

Eine weitere Eskalation des Ukraine-Krieges, Drohnen-Angriffe, Zuwanderung und Cyber-Attacken – das sind vier der größten Gefahren, die das Bundesheer in seinem Risikobild 2026 nennt.

Neue Sicherheitsrisiken im Fokus – Drohne des Bundesheers bei einer Übung. Foto: Harald Schneider/APA-Images/APA

Neue Sicherheitsrisiken im Fokus – Drohne des Bundesheers bei einer Übung. Foto: Harald Schneider/APA-Images/APA

Wien. Mit klaren Worten warnen Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) und die Führung des Bundesheeres vor den in diesem Jahr drohenden Risiken: Der Krieg in Europa bleibt die größte Gefahr auch für Österreich. Neben den Auswirkungen des militärischen Konflikts in der Ukraine nennen die Experten der Armeeführung jedoch weitere Bedrohungen – darunter das unkalkulierbare Handeln Washingtons, Massenzuwanderung sowie einen möglichen Drohnenangriff auf den Eurovision Song Contest.

Generalmajor Mag. Ronald Vartok betonte bei der Präsentation des Risikobildes: „Wir haben weiterhin eine hochkonfrontative Situation, 2026 gibt es keinerlei Entspannung. Im Gegenteil.“ Der Generalmajor warnte: „Die Drohnen-Gefahr ist imminent, auch der Song Contest in Wien wäre ein attraktives Angriffsziel.“ Zudem platzierte er eine politische Spitze Richtung US-Präsident Donald Trump: „Es ist schwierig, wer tatsächlich noch als Partner betrachtet werden kann.“

Verteidigungsministerin Klaudia Tanner orientierte sich in ihren einleitenden Worten offenbar am deutschen Kanzler Friedrich Merz, der angekündigt hat, „die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee in der Europäischen Union zu machen“. Tanner versprach analog, „das Bundesheer zur stärksten Armee zu machen, die es in Österreich je gegeben hat“. Gemeint war dabei wohl konkret die Armee der II. Republik.

Die Risiken für Österreich je nach Gefahrenlage und Themenfeld; (Quelle: Verteidigungsministerium/Risikolage 2026)

Bei der Präsentation des neuen Risikobildes in den Räumlichkeiten der Raiffeisen-Bank Wien wurde wiederholt betont, dass Österreich „eine größere Resilienz“ für Krisen und mögliche Konflikte erreichen müsse. Der pessimistische Ausblick der Heeres-Experten: Es gebe heute deutlich mehr Risiken als noch vor einigen Jahren.

In der gesamten Risikoanalyse der Bundesheer-Experten für das Jahr 2026 werden die folgenden Themenfelder als die relevantesten und akutesten benannt:

Konfrontation zwischen Russland und der EU​​​​​​

Der andauernde russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verschärft die Sicherheitslage in Europa weiterhin massiv. Auch im Jahr 2026 ist ein Ende der Kampfhandlungen nicht in Sicht. Experten erwarten vielmehr eine weitgehend statische Frontlinie mit hohen Verlusten auf beiden Seiten.

NATO-Vertreter warnen vor dem Risiko einer weiteren Eskalation: Eine direkte militärische Konfrontation zwischen Russland und dem transatlantischen Bündnis oder eine Ausweitung des Krieges über die Grenzen der Ukraine hinaus bleibe ein reales Szenario. NATO-Generalsekretär Mark Rutte sprach kürzlich von einer „klaren, realen und anhaltenden Gefahr“ und mahnte Europa, sich auf eine langfristige Konfrontation mit Russland vorzubereiten.

Unilaterales Agieren der USA 

US-Präsident Donald Trump hat in den ersten Monaten seiner zweiten Amtszeit unmissverständlich klargemacht: Die Politik des „America First“ werde nicht nur fortgesetzt, sondern radikal ausgebaut. In seiner Rede zur Nationalen Sicherheitsstrategie 2026 betonte Trump erneut, dass die Vereinigten Staaten künftig jede internationale Partnerschaft – einschließlich der NATO – ausschließlich nach dem Prinzip „Frieden durch Stärke“ (peace through strength) und strikt nach amerikanischen Interessen bewerten und gestalten würden. Für Europa bedeutet diese klare Prioritätensetzung Washingtons das Ende vieler langjähriger transatlantischer Gewissheiten.

Die USA sehen sich nicht mehr primär als uneingeschränkter Sicherheitsgarant des Kontinents, sondern als globale Macht, die ihre Ressourcen und ihr militärisches Engagement gezielt dort einsetzt, wo es den eigenen wirtschaftlichen, technologischen und strategischen Vorteil maximiert. Trump hat wiederholt gefordert, dass Europa seine Verteidigungsausgaben massiv steigert – und gleichzeitig signalisiert, dass amerikanische Truppenpräsenz und Beistandsverpflichtungen künftig verhandelbar sein könnten. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Europa muss seine strategische Abhängigkeit von den USA deutlich reduzieren. Die einzig überzeugende Antwort auf „America First“ und den weltweiten Trend zu nationalem Egoismus lautet „Europe Together“. Strategische Autonomie ist kein Luxus mehr, sondern eine existenzielle Notwendigkeit.

Generalmajor Ronald Vartok Foto: APA-Images / APA / ROLAND SCHLAGER
Generalmajor Ronald Vartok bei der Präsentation. Foto: Roland Schlager/APA-Images/APA

Migrationsströme nach Österreich

Die Massenzuwanderung nach Österreich könnte auch in diesem Jahr zu massiven Problemen führen: Insbesondere Konflikte im Nahen und Mittleren Osten sowie die anhaltenden Bürgerkriege beidseits des Roten Meeres – vom Jemen über das Horn von Afrika bis zum Sudan – treiben Millionen Menschen in die Flucht. Experten gehen davon aus, dass diese Migrationsströme in den kommenden Jahren nicht abreißen, sondern sich sogar verstärken werden.

Hinzu kommt eine zunehmend besorgniserregende Entwicklung: Migrationsbewegungen werden gezielt als Instrument hybrider Kriegsführung eingesetzt. Staaten und nichtstaatliche Akteure nutzen Flüchtlingsströme bewusst, um politischen Druck auf Europa auszuüben, gesellschaftliche Spannungen zu schüren und die Handlungsfähigkeit der EU zu untergraben. Dieses Phänomen hat sich bereits an den östlichen und südlichen Außengrenzen der Union gezeigt und wird voraussichtlich auch Österreich weiter belasten.

Vor diesem Hintergrund muss Österreich eine doppelte Strategie verfolgen, um die Risiken wirksam zu begrenzen. Erstens: die aktive Mitgestaltung eines gemeinsamen europäischen Migrationsmanagements. Österreich sollte sich noch stärker für eine solidarische und zugleich wirksame EU-Migrationspolitik einsetzen – mit verbindlichen Verteilmechanismen, konsequenter Rückführungspolitik und besserem Schutz der Außengrenzen. Nur ein geschlossenes und faires europäisches Vorgehen kann den Druck auf einzelne Mitgliedstaaten wie Österreich nachhaltig verringern.

Zweitens: ein Engagement Österreichs in Stabilisierungsmissionen in den Krisenregionen. Die wirksamste Prävention findet vor Ort statt. Österreich muss sich – auch im Rahmen von EU-, NATO- oder UN-Missionen – stärker an Stabilisierungs- und Friedenssicherungsmaßnahmen in den Herkunfts- und Transitregionen beteiligen. Ob Ausbildungsmissionen, humanitäre Unterstützung oder der Einsatz von Stabilisierungskräften: Je früher und je entschlossener die Ursachen von Flucht und Vertreibung bekämpft werden, desto geringer sind die Folgen für Europa und Österreich.

Schwächung der europäischen Integration

Eine der größten Gefahren für das gemeinsame europäische Projekt ist der gezielte Versuch, die europäische Integration systematisch zu untergraben. Ziel dieser Strategie ist es, Europa in der globalen Machtkonkurrenz zwischen den USA, China und Russland zu schwächen, gegeneinander auszuspielen und letztlich aufzureiben.

Feindliche Einflussnahmen – sei es durch Desinformation, hybride Kriegsführung, wirtschaftlichen Druck oder politische Destabilisierung – zielen darauf ab, Spaltungen innerhalb der EU zu vertiefen und das Vertrauen in die europäischen Institutionen zu erschüttern.

Ohne entschlossene Abwehr solcher Angriffe und ohne eine geschlossene Haltung der europäischen Partner droht das Prinzip des „Rechts des Stärkeren“ die Oberhand zu gewinnen. Das würde nicht nur die Handlungsfähigkeit der EU massiv einschränken, sondern das europäische Einigungsprojekt – das größte Friedensprojekt der Nachkriegsgeschichte – langfristig und nachhaltig gefährden. Die Botschaft muss sein: Nur ein geeintes, wehrhaftes und souveränes Europa kann in einer zunehmend unberechenbaren Weltordnung seine Werte verteidigen und seine Rolle als stabilisierende Kraft bewahren.

Kognitive Kriegsführung

Kognitive Kriegsführung bezeichnet koordinierte und systematische Maßnahmen, die gezielt das menschliche Denken und Bewusstsein manipulieren. Ziel ist es, die Wahrnehmung, das Urteilsvermögen sowie die Fähigkeit zu rationalen Entscheidungen bei Einzelpersonen, Gruppen, Institutionen oder ganzen Gesellschaften nachhaltig zu verändern oder zu beeinträchtigen. Feindliche Akteure setzen diese Form der Einflussnahme ein, um ihren Gegner zu schwächen – und das ganz ohne den Einsatz offener militärischer Gewalt. Genau das macht sie zu einem zentralen Element hybrider Kriegsführung.

Durch gezielte Desinformation, Propaganda, Narrative und psychologische Operationen soll vor allem eines zerstört werden: Vertrauen – in Politik, Medien, Institutionen und die Demokratie selbst.

Wenn das Vertrauen der Bevölkerung in die Grundpfeiler der Demokratie untergraben wird, gerät das gesamte System ins Wanken. Genau hier liegt die eigentliche Gefahr: Die Demokratie wird in ihrem Kern getroffen, ohne dass ein einziger Schuss fällt. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Geistige Landesverteidigung in Österreich und Europa zunehmend an Bedeutung. Sie dient der systematischen Stärkung der gesellschaftlichen und individuellen Widerstandsfähigkeit gegen solche kognitiven Angriffe. Dazu gehören die Förderung von Medien- und Informationskompetenz, transparente und glaubwürdige Kommunikation staatlicher Institutionen, die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie der Aufbau einer wehrhaften demokratischen Streitkultur.

Dazu ein Zitat aus der Risiko-Analyse des Heeres: "Nur wer den Kampf um die Köpfe gewinnt, kann auch die Freiheit und die Demokratie langfristig verteidigen. Die Geistige Landesverteidigung ist daher kein Randthema mehr, sie ist ein unverzichtbarer Baustein der modernen Sicherheitsvorsorge."

Wirtschaftlicher Protektionismus

Protektionistische Tendenzen und die bewusste Nutzung wirtschaftlicher Abhängigkeiten als politisches Druckmittel gefährden zunehmend die industrielle Substanz Europas. Sie erhöhen das Risiko einer tiefgreifenden Wirtschaftskrise und beschleunigen den Prozess der De-Industrialisierung auf dem Kontinent. Besonders kritisch ist die Situation für exportstarke und industrieabhängige Volkswirtschaften wie die österreichische. Wenn globale Lieferketten gezielt gestört oder einseitig als Waffe eingesetzt werden, drohen Produktionsverlagerungen, Arbeitsplatzverluste und ein langfristiger Verlust technologischer Souveränität. Österreich ist daher gefordert, sich mit Nachdruck für kooperative, regelbasierte und faire Handelsmodelle einzusetzen – sowohl innerhalb der EU als auch auf globaler Ebene.

Nur durch offene, aber faire Handelsbeziehungen kann Europa seine Wettbewerbsfähigkeit erhalten und die eigene industrielle Basis nachhaltig stärken. In diesem Zusammenhang wäre die kürzlich erfolgte Zustimmung aller EU-Mitgliedstaaten zum Freihandelsabkommen mit MERCOSUR ein wichtiges und positives Signal gewesen. Das Abkommen könnte den Zugang zu einem riesigen Markt in Lateinamerika garantieren, Rohstoffe sichern und neue Chancen für europäische Unternehmen schaffen.

Die Bundesheer-Experten kommentieren dazu: "Die EU und Österreich müssen diesen Weg konsequent weitergehen: Nur durch intelligente und faire Handelsabkommen kann Europa in einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft seine Stärke bewahren und das Risiko einer De-Industrialisierung wirksam bekämpfen."

Cyber-Angriffe

"Cyber-Angriffe sind ein zentraler Bestandteil hybrider Kriegsführung und zielen gezielt auf die Schwachstellen der europäischen Resilienz ab. Sie sind oft nur schwer eindeutig zuzuordnen und spielen sich vor allem im Informations- und digitalen Raum ab", warnen die Bundesheer-Analysten in ihrem Bericht.

Diese Angriffe im Web erfordern dringend neue, umfassende Ansätze, um die gesamtstaatliche Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit der EU-Mitgliedstaaten nachhaltig zu stärken. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat die Zahl schwerwiegender Cyberangriffe auf EU-Staaten massiv zugenommen. Besonders Länder, die sich klar pro-ukrainisch positionieren, stehen im Visier russischer, chinesischer und nordkoreanischer Akteure. So setzt Russland ein hochkomplexes Netzwerk aus staatlichen, staatsnahen und kriminellen Gruppen ein. Diese diffuse Struktur erschwert die klare Zuordnung und wirksame Gegenmaßnahmen erheblich. China verfolgt eine Strategie der verdeckten, langfristigen Cyber-Spionage, um geopolitische und wirtschaftliche Vorteile zu sichern und seine globale Führungsrolle systematisch auszubauen.

Die anhaltende und sich dynamisch entwickelnde Bedrohung durch Cyber-Sabotage, -Spionage und -Kriminalität übersteigt die Möglichkeiten einzelner Staaten bei Weitem. Eine wirksame Abwehr erfordert daher eine europaweite, koordinierte Lösung.

Gemeinsame europäische Cyber-Resilienz

Vor diesem Hintergrund haben sich die EU-Mitgliedstaaten auf einen vielschichtigen, gemeinsamen Ansatz geeinigt, um die Cyber-Resilienz der gesamten Union deutlich zu erhöhen. Das Ziel ist eine starke, einheitliche und koordinierte europäische Cyber-Verteidigung.

Allerdings wird die vollständige Umsetzung dieser ambitionierten Strategie noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen – während die Bedrohungslage sich weiter rasant verändert und neue Angriffsvektoren hinzukommen. Die Zeit drängt: Nur durch schnelle und entschlossene Maßnahmen kann Europa seine digitale Souveränität und Resilienz wirksam schützen.