Wien. Das österreichische Gesundheitssystem gilt offiziell noch immer als eines der leistungsfähigsten Europas. In der Lebensrealität vieler Patienten wirkt diese Einschätzung jedoch zunehmend wie eine Beschwörungsformel. Wer heute als Kassenpatient auf eine planbare Operation wartet, erlebt monatelange Verzögerungen, wiederholte Terminverschiebungen und eine Versorgung, die immer stärker nach Verfügbarkeit statt nach medizinischem Bedarf organisiert wird. Parallel dazu wächst der private Sektor. Wer zahlen kann, kommt schneller dran. Wer auf das öffentliche System angewiesen ist, wartet. Die Zwei-Klassen-Medizin ist kein Schlagwort mehr, sondern ein struktureller Zustand.
In diese Situation fällt eine Zahl, die die Diskussion neu zuspitzt. Zwischen 2015 und 2024 wurden in Österreich 21.896.772 Krankenhausbehandlungen von Patienten mit ausländischer Staatsangehörigkeit gezählt, stationär und ambulant, aufgeschlüsselt nach Nationalitäten. Die von der Kronen Zeitung veröffentlichte Tabelle ist keine politische Interpretation, sondern eine Zusammenstellung realer Abrechnungsdaten. Sie zeigt, in welchem Umfang das Gesundheitssystem über Jahre hinweg zusätzlich beansprucht wurde. Die Behandlungen österreichischer Staatsbürger sind in dieser Zahl nicht enthalten.
Den größten Anteil dieser Behandlungen stellen türkische Staatsangehörige, gefolgt von Patienten aus afrikanischen Staaten, aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, dem Iran sowie seit dem Jahr 2022 in wachsendem Ausmaß aus der Ukraine. Diese Zahlen werden in der öffentlichen Debatte häufig relativiert. Dann ist von statistischen Feinheiten die Rede, von Mehrfachbehandlungen oder von Menschen, die schon lange im Land leben. Doch all diese Einwände ändern nichts am Kern der Sache. Jede Behandlung ist eine reale Inanspruchnahme begrenzter Ressourcen.
Gesundheitsversorgung besteht nicht aus abstrakten Budgets, sondern aus Personal, Infrastruktur und Zeit. Operationssäle lassen sich nicht beliebig vermehren, Pflegekräfte nicht kurzfristig rekrutieren, Betten nicht endlos aufstocken. Schon die demografische Entwicklung der österreichischen Bevölkerung stellt das System vor enorme Herausforderungen. Eine alternde Gesellschaft benötigt mehr medizinische Leistungen, längere Aufenthalte und komplexere Therapien. Wenn über Jahre hinweg Millionen zusätzlicher Behandlungen anfallen, verschiebt sich das Gleichgewicht zwangsläufig.
Dauerhaft überlastete Notaufnahmen
Besonders sichtbar wird diese Überlastung in den Spitalsambulanzen. Sie fungieren längst als Auffangbecken für ein insgesamt überfordertes System. Der niedergelassene Bereich kann die Nachfrage nicht mehr bewältigen, Kassenarztstellen bleiben unbesetzt, Wartezeiten explodieren. Die Folge sind dauerhaft überfüllte Ambulanzen, die eigentlich für akute Notfälle gedacht wären. Für das System macht es keinen Unterschied, wer dort wartet. Für die Patienten macht es sehr wohl einen.
Hinzu kommt der seit Jahren schwelende Streit um sogenannte Gastpatienten, insbesondere in Ostösterreich. In mehreren Bundesländern wird offen darüber diskutiert, dass Spitäler Patienten aus dem Ausland versorgen, während heimische Patienten auf Wartelisten geführt werden. Diese Diskussion wird oft moralisch aufgeladen oder rasch beendet, berührt aber einen zentralen Punkt. Ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem kann nur dann funktionieren, wenn Inanspruchnahme und Kapazität einigermaßen im Gleichgewicht bleiben. Wird dieses Gleichgewicht dauerhaft überschritten, beginnt Rationierung.
Diese Rationierung geschieht nicht offen, sondern schleichend. Operationen werden verschoben, Diagnosen verzögert, Nachkontrollen ausgedünnt. Wer finanziell besser gestellt ist, entzieht sich dem öffentlichen System. Wer es nicht ist, bleibt zurück. Genau hier wird aus struktureller Überlastung soziale Ungleichheit.
Deutschland als Vorstufe der Entwicklung
Ein Blick nach Deutschland zeigt, wohin diese Entwicklung führt, wenn sie über Jahre hinweg nicht korrigiert wird. Auch dort ist die Belastung des Gesundheitssystems durch ausländische Staatsangehörige seit Langem Gegenstand politischer und finanzieller Auseinandersetzungen. Gesetzliche Krankenkassen und Krankenhäuser weisen offen darauf hin, dass sie in wachsendem Ausmaß Leistungen für Personengruppen erbringen, deren Gesundheitskosten nicht durch reguläre Beiträge gedeckt sind.
Betroffen sind insbesondere Asylbewerber, Geduldete, subsidiär Schutzberechtigte sowie Empfänger von Bürgergeld ohne ausreichende Beitragszeiten. Für diese Gruppen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die medizinische Versorgung, erhalten vom Staat jedoch lediglich pauschale Ausgleichszahlungen. Nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes decken diese Pauschalen die realen Kosten nicht annähernd ab. Die daraus resultierende Finanzierungslücke wird von den Kassen auf einen hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag pro Jahr beziffert. Mehrere Krankenkassen haben den Bund deshalb inzwischen verklagt, um die realen Kosten, die derzeit von allen Beitragszahlern faktisch übernommen werden, von der Regierung erstatten zu lassen. Doch Gerichtsverfahren ziehen sich in die Länge.
Zusätzlich verschärft wird die Lage durch steigende Schadenssummen infolge von Betrug und Fehlverhalten im Gesundheitswesen. Nach offiziellen Angaben des GKV-Spitzenverbandes entstanden den gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in den Jahren 2022 und 2023 Schäden von mehr als 200 Millionen Euro. Es handelt sich um den höchsten jemals erfassten Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2008. Der Großteil dieser Schäden entfällt auf Leistungen, die abgerechnet, aber nie erbracht wurden, insbesondere im Bereich von Arznei- und Heilmitteln sowie in der Pflege. Die Krankenkassen betonen, dass diese Zahlen lediglich die nachgewiesenen Fälle abbilden und die tatsächliche Belastung deutlich höher liegen dürfte.
Fallpauschalen decken den Aufwand nicht ab
Besonders kritisch beurteilen deutsche Krankenhäuser das Fallpauschalensystem. Die Pauschalen orientieren sich am medizinischen Standardfall, nicht aber an sozial oder organisatorisch komplexen Behandlungen. Gerade bei ausländischen Patienten ist der Aufwand häufig höher. Längere Aufenthalte, erhöhter Pflegebedarf, fehlende Vorbefunde, Sprachbarrieren und zusätzlicher organisatorischer Aufwand führen zu Kosten, die durch die Pauschalen nicht gedeckt sind.
Krankenhausbetreiber warnen seit Jahren, dass diese systematische Unterfinanzierung zu wirtschaftlichen Schieflagen führt. Kliniken geraten unter Druck, Personal fehlt, Leistungen werden verdichtet, Wartezeiten verlängern sich. Gleichzeitig steigen die Beiträge für Versicherte. Zum Jahresbeginn 2026 haben zahlreiche gesetzliche Krankenkassen ihre Zusatzbeiträge erhöht und dies ausdrücklich mit steigenden Ausgaben, unzureichender staatlicher Refinanzierung und wachsendem Kostendruck begründet.
Deutschland zeigt damit, was passiert, wenn ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem dauerhaft zusätzliche Leistungen für große Gruppen von Ausländern erbringt, ohne die Finanzierung entsprechend anzupassen. Die Belastung verschwindet nicht, sie wird weitergereicht. An die Krankenkassen, an das medizinische Personal und letztlich an die einheimischen Versicherten, die nicht nur die eigene Krankenversorgung bezahlen, sondern auch jene von Millionen Menschen, die nie ins System einzahlen.
Die österreichischen Zahlen bestätigen, dass sich das heimische System in eine ähnliche Richtung bewegt. Die Überlastung ist kein subjektives Empfinden, sondern das Ergebnis jahrelanger Inanspruchnahme. Die Frage ist nicht mehr, ob das System an seine Grenzen stößt. Die Frage ist, wie lange Politik und Verantwortliche noch so tun wollen, als ließe sich diese Entwicklung ignorieren, während Einheimische weiter warten und das Vertrauen in das öffentliche Gesundheitssystem schwindet.