Im Sommer 2025 legte die Europäische Kommission eine Strategie zur Bildung von Reserven vor. „Das Ziel ist es, sicherzustellen, dass immer grundlegende Vorräte zur Verfügung stehen, die unsere Gesellschaften am Laufen halten“, erklärte Hadja Lahbib, Kommissarin für Bereitschaft, Krisenmanagement und Gleichstellung. Die belgische EU-Kommissarin verteidigte die Bedeutung der Vorratsbildung mit dem Argument, dass „je besser wir vorbereitet sind, desto weniger werden wir in Panik geraten“, wenn etwas passiere. Polen hat nun vorgelegt und mehrere Maßnahmen zur zivilen Vorsorge auf den Weg gebracht – darunter die Verteilung einer Broschüre an 17 Millionen Haushalte. Auch in anderen Ländern kommt Bewegung in die Sache.
Man kann sich nicht immer darauf verlassen, dass der Staat in der Lage ist, alle Bürger mit den notwendigen Notvorräten zu versorgen. Die EU hat den Bürgern daher empfohlen, sich im Voraus für drei Tage mit Lebensmitteln, Wasserentkeimungsmitteln, Medikamenten, abgefülltem Wasser, Konserven, Hygieneartikeln und anderen notwendigen Dingen einzudecken.
Die einzelnen Mitgliedstaaten haben sich in sehr unterschiedlichem Tempo an die Umsetzung nationaler Strategien gemacht, um die Bevölkerung auf Naturkatastrophen, Stromausfälle oder auch Kriegszustände vorzubereiten.

Polen geht voran
Nach monatelangen Fachdiskussionen ist in Polen seit Januar 2026 ein Gesetz zum Zivilschutz in Kraft, das Bauprojekte ohne Notunterkünfte nicht mehr genehmigt. Dafür müssen beispielsweise Tiefgaragen oder Keller angepasst werden.
Die Schutzräume müssen mit einer angemessenen Belüftung, Notausgängen, Anschlüssen an Versorgungsnetze, Abfallentsorgungssystemen und Vorräten für den Überlebensfall ausgestattet sein. Neben der Feuerbeständigkeit wird Wert auf Widerstandsfähigkeit gegen Druckwellen, verschiedene Geschosse und Drohnen sowie gegen die Gammastrahlung einer Atombombe gelegt.
Die Polen haben offenbar genau zugehört, als Sergej Karaganow, Berater des stellvertretenden Leiters der Außenpolitik der Administration des Präsidenten der Russischen Föderation, in einem Gespräch mit dem amerikanischen Journalisten Tucker Carlson am 15. Januar die polnische Stadt Posen als mögliches Ziel eines russischen Atomsprengkopfs erwähnte. Ein Hinweis, den er nicht zum ersten Mal fallen ließ, sondern bereits im Jahr 2023, als er erklärte, dass das „Geschenk des Allmächtigen“, wie Karaganow die Atombombe zu nennen pflegt, Posen treffen könnte. Die Stadt gilt inzwischen als eine der am besten vorbereiteten polnischen Großstädte im Hinblick auf konventionelle militärische Bedrohungen.

Leitfaden zum Überleben
Seit dem Spätsommer 2025 ist auf dem Regierungsportal außerdem ein Sicherheitsleitfaden verfügbar. Im Laufe des Januars 2026 wird er in gedruckter Form nach und nach an jeden Haushalt des Landes verteilt, was innerhalb der Europäischen Union ein einzigartiger Schritt ist.
Die ersten Exemplare erhielten die Einwohner der an Russland, Litauen, Weißrussland, die Ukraine und die Slowakei angrenzenden Verwaltungseinheiten. Mitte Januar wurden sie an die meisten Haushalte ausgeliefert. Der Leitfaden wurde unter der Schirmherrschaft des Verteidigungsministeriums und des Innenministeriums herausgegeben, deren Leiter sich in einem beigefügten Schreiben an die Bürger wenden. „Sicherheit ist unsere gemeinsame Verantwortung“, schreiben sie.
Neben Informationen zur Lagerung von Lebensmitteln und zum Inhalt eines Notfallrucksacks, der für den Fall einer Evakuierung unerlässlich ist, enthält das Handbuch auch Anleitungen, wie man mit der Familie Naturkatastrophen, den Folgen von Cyberangriffen oder Sabotageakten und schließlich einer offenen militärischen Invasion begegnen kann. Das Büchlein vergisst auch die Tiere und die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft nicht: Rentner, Kinder und chronisch Schwerkranke.
Die Publikation erklärt auch, welche Rolle lokale Behörden und einzelne staatliche Institutionen in Krisensituationen spielen – von Rettungskräften bis hin zu den Streitkräften der Republik Polen. Wie das Portal Gazeta Prawna betont, wird in dem Handbuch „gleichzeitig hervorgehoben, dass Sicherheit nicht ausschließlich Aufgabe des Staates, sondern gemeinsame Verantwortung der Bürger ist“.

Positive Resonanz
Einige Sicherheitsbehörden empfehlen, sich gründlich mit dem Handbuch vertraut zu machen, und heben dessen Übersichtlichkeit hervor. In Fernsehsendungen loben wiederum eingeladene Experten das Werk - von Feuerwehrleuten über Militärexperten bis hin zu Spezialisten für Überlebensvorbereitung.
Der langjährige Feuerwehrmann Przemysław Rembielak ist derzeit im Verband unabhängiger Brandschutzexperten tätig und widmet sich Schulungen im Bereich des Zivilschutzes. Dem polnischen Portal Onet erklärte er, dass der Wert der Broschüre dadurch gesteigert werde, dass die Autoren in Verbindung mit Krisensituationen auch Privatfahrzeuge und Tiere nicht außer Acht gelassen hätten, und berichtete aus seinen Erfahrungen in anderen Krisensituationen:
„Nach dem Einmarsch der Russen in die Ukraine leitete ich ein Transportzentrum in Warschau, und es stellte sich heraus, dass die Zahl der Tiere, die mit ihren Besitzern ankamen, ähnlich hoch war wie die Zahl der Menschen. In den Waggons aus der Ukraine reisten Hunde, Katzen, aber auch Kaninchen, Schlangen und Spinnen“, so der verdiente Feuerwehrmann. Der einzige objektive Mangel des Handbuchs sei das Fehlen einer Abbildung, die anschaulich zeige, wie eine Löschdecke zu verwenden sei. Die Praxis unzähliger Übungen mit der Öffentlichkeit zeige laut Rembielak, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen die Decke falsch einsetze und sich stattdessen selbst in Brand setze.
Das Handbuch gibt auch Ratschläge, was man tun soll, wenn keine Toilette vorhanden ist, wie man sich bei Luftangriffen verhält und was ein wirklich brauchbarer Verbandskasten enthält. Zudem wird erläutert, wie man vorgehen soll, wenn man mögliche Saboteure in der Nähe kritischer Infrastruktur bemerkt.
Wie handhaben andere EU-Staaten die zivile Vorsorge?
In Bezug auf die Vorbereitung der Bürger gehen die skandinavischen Länder mit gutem Beispiel voran – ähnlich wie bei der Frage der aktiven Reserven. So hat beispielsweise Schweden im Rahmen seiner „Totalverteidigungsstrategie” im Herbst 2024 Handbücher mit dem Titel „Wenn es zu einer Krise oder einem Krieg kommt” an seine Bürger verschickt. Organisationen, die im Bereich des Zivilschutzes tätig sind, bieten mehrmals im Monat Überlebenskurse an.
Ähnliche Maßnahmen wurden in den letzten Jahren auch in Dänemark, Norwegen und Finnland ergriffen, wobei sich die Dänen und Finnen – ebenso wie die Deutschen und Iren – mit einer digitalisierten Version des Handbuchs begnügen mussten. In Mitteleuropa ging Prag ähnlich wie Warschau vor. Im November erhielten die Tschechen ein Handbuch, das dem polnischen ähnelt.
Während in Ungarn ein entsprechendes Handbuch in gedruckter oder digitaler Form völlig fehlt, ist in der Slowakei eine Richtlinie auf der Website des Innenministeriums kostenlos in slowakischer, ungarischer, ruthenischer und englischer Sprache zum Herunterladen verfügbar. Bislang wurden 200.000 Exemplare in gedruckter Form vor allem über Bezirksämter, Kundencenter und Schulen verteilt.