Wien. Die Smartwatch des bekannten und eleganten Sektionschefs im Justizministerium bestätigte nun, dass Christian Pilnacek kurz vor seinem Tod am19. Oktober 2023 im Wasser der Donau noch telefoniert hat. Elf Sekunden. Ein, zwei Sätze sind in dieser Zeitspanne zu schaffen. Mehr nicht. Die von Pilnacek angenommene Handy-Nummer gehörte zum Mobiltelefon von Ex-Kanzler Sebastian Kurz.
Warum telefoniert jemand noch vor seinem Tod mit einem früheren ÖVP-Chef? Was wollte er dem jetzigen Cyber-Unternehmer Sebastian Kurz um 20.55 Uhr sagen? Privates? Noch Ratschläge für den Falschaussage-Prozess des Politikers mitgeben? Für eine letzte Aussprache kannten sich die beiden Prominenten ja wohl zu wenig - und dafür wären auch elf Sekunden zu knapp. Auf den Social-Media-Plattformen wird über den Inhalt des Telefonats bereits spekuliert, Sebastian Kurz könnte bei einem Auftritt als Zeuge vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss dazu wohl mehr sagen.
Der Fall ist nicht erst seit Bekanntwerden des letzten Telefonats Pilnaceks Stoff für Verschwörungstheorien und Munition für Angriffe der FPÖ auf die Kanzlerpartei ÖVP, der Christian Pilnacek als einflussreicher Sektionschef im Justizministerium doch irgendwie wohlgesonnen gewesen sein soll.
Legendär bleibt etwa Pilnaceks Sager, die Korruptionsermittlungen der Staatsanwaltschaft in der Causa Eurofighter zu "daschlogen" - also einfach zu beenden. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) hat im Mai 2019 Generalsekretär Christian Pilnacek deshalb angezeigt. Sie hegte den Verdacht auf Amtsmissbrauch, die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt.
Im Mai 2020 kündigte Justizministerin Alma Zadić (Grüne) an, die Sektion Strafrecht erneut zu trennen: Künftig sollten Legistik und Strafverfahren wieder eigenständig geführt werden. Für Pilnacek hatte diese Reform weitreichende Folgen - die Neuordnung schwächte seine bisherige Machtposition, da er sich nur noch für eine der beiden Leitungsfunktionen bewerben konnte. In der Folge übernahm er die Führung der Sektion Straflegistik.
Ein Jahr später geriet Pilnacek erneut unter Druck. Im Raum stand der Verdacht, er könnte eine bevorstehende Hausdurchsuchung beim Wiener Multimillionär und Unternehmer Michael Tojner vorab weitergegeben haben. Empfänger dieser Information soll dessen Anwalt Wolfgang Brandstetter gewesen sein, der zwischen 2013 und Ende 2016 als Justizminister fungiert hatte und damit früher Pilnaceks Vorgesetzter war. Diese Vorwürfe führten 2021 schließlich zur Suspendierung des Spitzenbeamten.
Kurz vor dem Tod meinte Pilnacek, er müsse Kickl "alles" sagen
Jahrelang kämpfte der Spitzenbeamte dann um seinen Job - am 19. Oktober 2023 ruinierte sich Christian Pilnacek allerdings selbst mit einer Alko-Fahrt alle Chancen auf eine Rückkehr auf seinen Posten: Pilnacek absolvierte zunächst am Nachmittag mehrere Termine in Wien, unter anderem war er auch einer der Dutzenden Gäste beim Empfang der ungarischen Botschaft zum Gedenken an den Freiheitskampf im Jahr 1956.
Dort ergab sich ein Gespräch mit Christian Hafenecker, an das sich der FPÖ-Generalsekretär noch bestens erinnert: "Wir unterhielten uns bei dem Empfang in der Botschaft etwa 25 Minuten. Anfangs war der Sektionschef mir gegenüber etwas reserviert – ich habe ihm ja einige harte Fragen gestellt, als er beim U-Ausschuss vorgeladen war. Dann sagte Pilnacek aber, dass er ein Treffen mit Herbert Kickl möchte. Er müsse ihm von den ,Missständen im Justizministerium' berichten – und er meinte dann, er müsse Kickl ,alles sagen'.“
Führerscheinentzug aufgrund einer Geisterfahrt
Spätabends war der Spitzenbeamte dann auf dem Weg nach Rossatz, wo seine Lebensgefährtin lebte. Zu diesem Zeitpunkt war er jedoch stark alkoholisiert: Auf einer Schnellstraße fuhr er zwölf Kilometer gegen die Fahrtrichtung. Die Polizei stoppte ihn, entzog ihm den Führerschein.
Daraufhin wurde er von der Mitbewohnerin seiner Partnerin abgeholt, die im Umfeld des damaligen ÖVP-Nationalratspräsidenten und früheren Innenministers Wolfgang Sobotka tätig war. In dem Haus angekommen, soll Pilnacek noch mehr Alkohol konsumiert haben. Gegen ein Uhr nachts verließ er dann das Gebäude allein.
Am nächsten Morgen entdeckte ein Baggerfahrer seine Leiche in einem Seitenarm der Donau, nur wenige Gehminuten entfernt. Die Ermittlungsbehörden stuften den Tod rasch als Suizid ein.
Ein Kriminalfall?
Ist die Causa Pilnacek ein Kriminalfall? Vielleicht. Rückblickend spricht jedenfalls vieles dafür, dass am Auffindungsort des Toten in Rossatz nachlässig ermittelt wurde. Mögliche alternative Todesursachen, wie etwa ein Unfall, scheinen nicht umfassend geprüft worden zu sein. Es scheint jedenfalls etwas unwahrscheinlich, dass ein 60-jähriger Mann in einen seichten Flussarm fällt und anschließend ohne Reaktion im nur 13 Grad kalten Wasser langsam ertrinkt.
Und langjährige Bekannte des in Wiener Lokalen stets als Gentleman auftretenden Spitzenbeamten können auch nicht glauben, dass Christian Pilnacek für sich als Todesart das Ertrinken in einem schlammigen Seitenarm der Donau gewählt hätte.
Außerdem wird von langjährigen Gesprächspartnern Pilnaceks das Motiv für einen angeblichen Suizid bezweifelt: Einen Sektionschef, der jahrzehntelang sämtliche Intrigen in einem österreichischen Bundesministerium überstanden hat, treibt eine Führerscheinabnahme in den Selbstmord?
Auch deshalb halten sich bis heute Spekulationen über eine politisch motivierte Vertuschung hartnäckig, nun soll der parlamentarische Untersuchungsausschuss laut Einsetzungsantrag Strukturen sichtbar machen, die Machtmissbrauch, Korruption und Einflussnahme auf Ermittlungen begünstigen.
Die FPÖ wird jedenfalls beim aktuellen U-Ausschuss zum Tod eines klugen und stets höflichen Menschen weiter von einem über Jahrzehnte gewachsenen „tiefen Staat“ sprechen wollen, den die ÖVP aufgebaut haben soll. Mit einer umfassenden Kooperation bei der kompletten Aufklärung der Causa könnte die Kanzlerpartei diesen Vorwurf sehr einfach abwettern.
