Wie Russland uns Europäer sieht: Negative Bewertung sinkt von 71 auf 58 Prozent

Das Ergebnis der neuesten Studie der bekannten Sacharow Gesellschaft zeigt, dass die EU in der russischen Bevölkerung weiter als Feindbild gilt – die Stimmung hat sich jedoch deutlich verbessert, trotz massiver Propaganda des Kremls.

Soldatin am Roten Platz in Moskau - Deutschland steht im russischen Feindstaaten-Ranking 2025 auf Platz 1. Foto: Sefa Karacan/Anadolu via Getty Images

Soldatin am Roten Platz in Moskau - Deutschland steht im russischen Feindstaaten-Ranking 2025 auf Platz 1. Foto: Sefa Karacan/Anadolu via Getty Images

Moskau/Brüssel. 19 Sanktionspakete in Serie gegen Russland, dazu eine gigantische finanzielle Unterstützung der Ukraine durch Brüssel sowie eine nur noch wenig verdeckte militärische Partnerschaft einzelner europäische Nationen mit Kiew - da ist die Überraschung nicht groß, dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung die EU als Feind definiert. Doch: Die Abneigung nimmt trotz allem ab, wie die Deutsche Sacharow Gesellschaft nun in einer aktuellen Umfrage belegt.

Im Auftrag der Sacharow Gesellschaft untersuchte das in Russland als "Auslandsagent" eingestufte Lewada-Zentrum in Moskau die Haltung der Russen zu anderen Nationen sowie zur Europäischen Union. Das Ergebnis bei der Abneigung gegen die EU fällt überraschend aus: Die Bewertung verbessert sich wieder – ungeachtet des langen Krieges in der Ukraine, der EU-Sanktionen und der anhaltenden Propaganda aus Moskau.

"Die negativen Einstellungen gegenüber der EU sind seit 2023 von 71 Prozent auf 58 Prozent zurückgegangen. 2025 verzeichnen wir einen leichten Anstieg der positiven Meinungen über die EU um 7 Prozentpunkte seit September 2024 auf 23 Prozent", heißt es im aktuellen Bericht zur Studie. Grundlage ist eine repräsentative Befragung von 1.612 erwachsenen Personen aus der russischen Bevölkerung in 137 Ortschaften und 50 Föderationssubjekten.

Aus der aktuellen Studie der Sacharow Gesellschaft Grafik EU
Aus der aktuellen Studie der Sacharow Gesellschaft; (Quelle: EU)

Die Umfrageergebnisse weisen auf innere Spannungen in der öffentlichen Wahrnehmung hin. Auf der einen Seite besteht weiterhin ein idealisiertes Bild Europas als normativer Bezugspunkt für Russlands Entwicklung sowie als Vorbild für eine moderne Gesellschaft und kulturelle Orientierung. Auf der anderen Seite steht dem Bild die klar antiwestliche Politik Wladimir Putins und die damit verbundene staatliche Propaganda entgegen. Aus diesem Gegensatz ergibt sich, dass antieuropäische Stimmungen in der Bevölkerung nur begrenzt gefestigt sind. Sie erweisen sich als vergleichsweise instabil und nehmen im Laufe der Zeit tendenziell ab – selbst dann, wenn die grundsätzliche propagandistische Ausrichtung unverändert fortbesteht.

Mehrheit hat negative Einstellung gegenüber Deutschland

Die kritische Reaktion der europäischen Staaten auf die russische Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 führte zu einer Zuspitzung der feindseligen Rhetorik in der russischen Staatspropaganda. Bereits wenige Monate nach Kriegsbeginn, im Mai 2022, erreichten die negativen Bewertungen Deutschlands in der russischen Öffentlichkeit einen Höchststand: Damals sagten 66 Prozent der Befragten, sie hätten eine „schlechte Meinung“ über Deutschland.

In der Folgezeit veränderten sich die Einstellungen gegenüber einzelnen westlichen Staaten unterschiedlich. Nach der Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, einen möglichen „Deal“ mit Russland sowie ein russisch-ukrainisches Friedensabkommen anzustreben, ging die offene Ablehnung gegenüber den Vereinigten Staaten spürbar zurück. Die Einstellungen gegenüber Deutschland und Großbritannien blieben von der Entwicklung aber weitgehend unberührt.

Vor diesem Hintergrund dürfte bei vielen Russen der Eindruck entstanden sein, dass insbesondere Deutschland und Großbritannien als führende Akteure einer antirussischen Politik gelten und entsprechend weit oben auf der Liste der vermeintlichen „Feindstaaten“ stehen. Die Wahrnehmung wird dadurch verstärkt, dass die Haltung europäischer Regierungen, die Russland klar verurteilen und die Ukraine unterstützen, im Vergleich zur zeitweise eher russlandfreundlichen Linie Trumps besonders entschlossen erscheint. In der russischen Propaganda wird die europäische Politik daher häufig als feindseliger dargestellt als jene der Trump-Regierung.

Auch im Jahr 2025 blieb das Bild Deutschlands in Russland überwiegend negativ: 58 Prozent der Befragten äußern eine ablehnende Haltung gegenüber dem Land, davon 34 Prozent „sehr negativ“ und 24 Prozent „überwiegend negativ“. Gleichzeitig geben jedoch 25 Prozent der Befragten an, eine „gute Meinung“ von Deutschland zu haben. Die negativsten Einstellungen finden sich unter älteren Befragten (70 Prozent), unter Bewohnern Moskaus (75 Prozent) und unter Personen, die die Arbeit Wladimir Putins als Präsident positiv bewerten (62 Prozent), sowie unter jenen, die dem staatlichen Fernsehen als wichtigste Informationsquelle vertrauen (69 Prozent).

Ukraine besser bewertet als Deutschland

Sacharow Gesellschaft: Wie Russland andere Nationen sieht
Aus der Studie der Sacharow Gesellschaft: Wie Russland andere Nationen sieht; (Quelle: EU)

Am vergleichsweise positivsten fällt das Deutschlandbild hingegen bei jungen Menschen unter 25 Jahren aus: In dieser Altersgruppe äußern sich 48 Prozent wohlwollend über das Land.

Deutschland übernimmt im russischen Ranking der Feindstaaten im Jahr 2025 übrigens Platz 1, dahinter folgen Polen, die Ukraine, die USA und Großbritannien. Dass die Ukraine als direkter Kriegsgegner nur auf Rang 3 steht, Deutschland aber für viele Russen als zentrales Feindbild gilt, überrascht dann doch.